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Bunte Splitter

Montag, 2. Januar 2012
Am Krisenherd - Ein Koch mit Herz

Diese eine Sache will Narayanan Krishnan einfach nicht in den Kopf gehen: Indiens Wirtschaft wächst und wächst, Indien ist kein armes Land mehr, es gibt immer mehr Millionäre, neue Milliardäre und eine große Mittelschicht. Trotzdem verhungern Menschen auf den Straßen, trotzdem überlässt die Gesellschaft Menschen sich selbst, Arme, Alte, Geisteskranke. Lässt sie verrecken, achselzuckend, als könne man nichts dagegen tun.
"Es ist nicht zu fassen", sagt Krishnan. "Sie kaufen Häuser und Autos und teure Klamotten, aber sie geben denen, die nichts haben, nichts ab." Er überlegt, dann spricht er diesen Satz aus, mit dem er sich keine Freunde macht im neuen, im selbstbewussten Indien: "Vielleicht haben viele Menschen hier einfach kein Herz." Anders könne er sich nicht erklären, weshalb es leichter sei, Spenden in den USA und in Europa zu sammeln, als in Indien selbst.
Die meisten Inder mögen Krishnan, 30, viele verehren ihn inzwischen, der US-Sender CNN hat ihn im vergangenen Jahr zu einem der "Zehn Helden der Welt" erkoren. Krishnan ist längst eine Berühmtheit über Indien hinaus. Innerhalb von zehn Jahren hat er eine Hilfsorganisation aufgebaut, die inzwischen 450 Menschen Tag für Tag mit jeweils drei Mahlzeiten versorgt. "Es sind überwiegend Obdachlose mit Behinderungen", sagt er.
Es war ein langer Weg zu diesem Erfolg: Krishnan arbeitete 2002 als junger Koch in einem Fünf-Sterne-Hotel in Bangalore. Seine Chefs mochten ihn, sahen sein Talent. Sie förderten ihn, er sollte ein paar Jahre in der Schweiz arbeiten, um internationale Erfahrung zu sammeln.
"Ich fuhr zu meinen Eltern nach Madurai, um mich von ihnen zu verabschieden", erinnert er sich. "Bei einem Tempelbesuch sah ich diesen alten Mann unter einer Brücke. Er war dürr und man sah seine Rippen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass er seine eigenen Exkremente aß, um nicht zu verhungern. Ich war geschockt." Krishna kaufte ihm etwas zu essen, typisch südindische Kuchen aus Linsen- und Reismehl. "Der Mann verschlang sie gierig, dann sah er mich an und hielt dankbar meine Hand." Krishnan schildert es als ein Erlebnis, das er nie wieder vergessen sollte. "Von dem Moment an wusste ich: Das ist es, was ich mein Leben lang tun will: die Ärmsten der Armen zu ernähren."
Von einem Tag auf den anderen kündigte er seinen Job. Seine Eltern, beide Versicherungsangestellte, waren entsetzt. Ist der Junge verrückt geworden? Schmeißt er gerade eine vielversprechende Karriere weg?
"Sie verstanden nicht, warum ich das tue. Stattdessen schleppten sie mich zu einem Psychiater und zu einem Priester. Am Ende versprach ich ihnen, als Koch weiterzuarbeiten - wenn sie mich nur einen Monat lang Menschen auf der Straße versorgen ließen."
Nach ein paar Tagen überzeugte er seine Eltern, ihn zu begleiten und zuzusehen, wie er die auf den Straßen seiner Heimatstadt lebenden Alten und Kranken mit Curry versorgt, ihnen die Haare schneidet, sie rasiert, ihnen die Beine massiert. Anfangs kümmerte sich Krishnan um 20 Menschen. Eine Frau erzählte Krishnas Mutter, neuerdings, seit der junge Mann sie mit Essen versorge, habe sie wieder ein Leben, das nicht nur um die Frage kreise, wie sie den Tag überstehen solle.
"Meine Eltern waren nach diesem Tag einverstanden mit meiner Arbeit. Sie sagten: Du machst etwas Gutes, und wir unterstützen dich darin."
Krishnan gründete die Akshaya-Stiftung, benannt nach einer Figur aus der indischen Mythologie (mehr Infos zur Stiftung finden Sie hier). Er verkaufte all sein Hab und Gut, spendete seine Ersparnisse und bat Freunde und Familie um Hilfe, um Töpfe und Lebensmittel kaufen zu können. "Ich wohne in dem Haus meines Großvaters, das ich geerbt habe. Ein paar Zimmer habe ich vermietet. Davon lebe ich. Es ist nicht viel, aber es ist genug, um davon zu leben. Finanziell gesehen bin ich ein armer Mann. Aber in jeder anderen Hinsicht bin ich reich." Krishnan findet, nichts bereichere einen Menschen mehr als zu geben.
Für die Lebensmittel, die er und seine inzwischen 40 ehrenamtlichen Helfer verarbeiten, müssen sie täglich umgerechnet knapp 300 Euro aufbringen. "Wir finanzieren das einzig über Spenden, und meist wird es ab dem 20. eines Monats knapp", sagt Krishnan. Irgendwie sei man bisher aber immer über die Runden gekommen. Fast zwei Millionen Mahlzeiten hat die Stiftung in den vergangenen zehn Jahren verteilt.
Jetzt sammelt sie Geld, um ein Haus für Obdachlose zu bauen. Krishnan zufolge soll es Mitte 2012 fertig werden. "Darin finden mehr als hundert Menschen Platz", sagt er. Auch dieses Gebäude werde ausschließlich von individuellen Spendern bezahlt, "auch aus Amerika und Europa", sagt Krishnan. Von staatlicher Stelle habe er dagegen nichts erhalten, weder von der indischen Regierung noch von der Stadtverwaltung in Madurai. "Auch die meisten indischen Firmen geben nichts."
Krishnan sagt, er bekomme oft zu spüren, dass manche Leute ihn für seine Arbeit nicht respektierten. "Ich bin Brahmane, und Menschen aus dieser obersten Kaste geben sich nicht mit Menschen ab, die auf der Straße leben. Schon gar nicht umarmen oder massieren sie sie." Das offiziell abgeschaffte Kastensystem lebt in den Köpfen der meisten Menschen fort. Das Wort "Unberührbare" sei wörtlich gemeint, sagt Krishnan. Aber für ihn seien alle Menschen gleich, er mache keine Unterschiede. "Und genau das passt manchen nicht. Für die sind Obdachlose einfach nur asoziale Elemente, die man am besten entfernen sollte. Sie stören das Bild vom Wohlstand und vom aufsteigenden Indien."
"Na ja", sagt der wortkarge Beamte von der Stadtkasse in Madurai. "Es ist ja ganz gut, was der Mann da macht. Aber helfen können wir ihm nicht." Warum nicht? "Kein Geld." Aber ist es nicht die Aufgabe des Staates, wenigstens den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen? Der Mann zögert. Dann räumt er ein: "In Indien haben wir noch kein akzeptables Sozialsystem, was soll man da machen?" Genau deshalb, findet er, müsse man die Arbeit von Narayanan Krishnan gut finden. Auch wenn er dafür Unberührbare berühre.

Quelle: Spiegel Online

Freitag, 7. Oktober 2011
"In einer Hölle wie dieser muss selbst Gott laut schreien"

Derzeit herrscht in ganz Indien eine Fetischisierung von Wandel und Dynamik, die nicht gut für die Menschen ist. Indien ist eine auf Erfolg getrimmte Maschinerie, und alles, was dem Erfolg im Weg steht, wird niedergewalzt, aus dem Weg geräumt. Kritik ist nicht erwünscht. (Altaf Tyrewala, 'Kein Gott in Sicht')

Montag, 22. August 2011
Der Zahnarzt von Jaipur

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Freitag, 8. Juli 2011
Pole-Position

In der Zukunft wird es mehrere Weltmächte geben. Kein Land ist dafür besser gerüstet als Indien. Sagt Pankaj Mishra.

Seit einigen Jahren verwöhnt uns die englischsprachige Presse Indiens mit Schlagzeilen wie "India the Next Superpower" , "The Global Indian Takeover" und "Bollywood Fever Sweeps the West". In den vergangenen Monaten haben nun auch das Time Magazine, Newsweek und Foreign Affairs in den Chor eingestimmt und bejubeln den "Aufstieg Indiens", von dem sie sich einen neuen "strategischen Partner" für die USA versprechen.
Um ein etwas komplexeres und facettenreicheres Bild vom zeitgenössischen Indien zu bieten, habe ich kürzlich einen Artikel auf der Meinungsseite der New York Times veröffentlicht: "The Myth of New India". Ich rief ein paar Fakten in Erinnerung, die in den hymnischen Berichten über Indien übersehen oder verdrängt wurden: den schlechten Zustand des Gesundheitswesens und der Grundschulbildung, das Fehlen eines Aufschwungs im Produktionsbereich, die hohe Arbeitslosigkeit, die verschwindend geringe Anzahl von Arbeitsplätzen in den Bereichen IT und weiterverarbeitende Industrie (1,3 Millionen bei 400 Millionen Arbeitskräften); dazu kommen die Krise in der Landwirtschaft (die in den letzten zehn Jahren mehr als 100.000 Bauern in den Selbstmord getrieben hat) und die Verbreitung eines militanten Kommunismus in den ärmsten und am dichtesten bevölkerten Gegenden Indiens.
Kaum war der Artikel erschienen, hagelte es Reaktionen. Viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und NGOs, die sich in Indien im Kampf gegen ländliche Armut, Krankheiten und Analphabetismus engagieren, bedankten sich in Leserbriefen dafür, dass ich wenigstens ein paar der beunruhigend weit verbreiteten Probleme des Landes angesprochen hatte. Andere Leserbriefe widersprachen, durchaus höflich, meiner impliziten Meinung, wonach Indien – wie China – sein Wirtschaftswachstum erst noch politisch und ökologisch nachhaltig gestalten muss.
In den meisten Leserbriefen wurde ich jedoch wütend beschuldigt, mein Land zu verunglimpfen, indem ich öffentlich Indiens schmutzige Wäsche wasche. Es überrascht mich kaum, dass diese Briefe meist von Indern aus Amerika kamen, die sich Indien als Supermacht auf Augenhöhe mit den USA wünschen, und von der Generation beziehungsweise Schicht von Indern, die von der Globalisierung profitiert haben. Sie identifizieren sich eindeutig mit indischen Erfolgen und amerikanischen Machtansprüchen und scheinen umgekehrt davon überzeugt, dass ich einen erbitterten Kreuzzug gegen die engen Beziehungen der Vereinigten Staaten mit Indien führe. Einige meinten auch, ich sei ein Pessimist, Sozialist, ein militanter Globalisierungsgegner voller Illusionen – und voller Hass auf Hindus und Indien insgesamt. Zwar habe ich mich mittlerweile an derartige Ausbrüche gewöhnt.
Erstaunlich finde ich sie aber nach wie vor schon deshalb, weil ich ja selbst zur Schicht der indischen Globalisierungsgewinner gehöre. Aus meiner Familie hat vor mir niemand das Land verlassen. Heute verbringe ich einen Großteil des Jahres in London und schreibe für amerikanische und britische Zeitschriften – ein schlagendes Beispiel dafür, wie der weltweite Austausch von Waren und Gedanken Einzelnen helfen kann, wenig aussichtsreiche Lebensverhältnisse hinter sich zu lassen.
Für mich ist Indien, wo ich den größeren Teil meines Lebens verbracht habe, nicht nur ein unendlich komplexes und intellektuell bereicherndes Thema; ihm verdanke ich ein Gefühl der Zugehörigkeit auf dieser Welt, ihm fühle ich mich auf eine Weise verbunden, die ich nicht immer in Worte fassen kann. Als Nationalstaat mag Indien nur 59 Jahre alt sein, aber da gibt es noch etwas, das weiter reicht: eine lange indische Kulturtradition, der die meisten meiner Helden angehören – Buddha, Ashoka, Gandhi und Tagore. Diese Denker und Aktivisten haben meine Weltsicht geprägt; ihre ungeheure schöpferische Originalität und ihr hoher Anspruch ließen die Überzeugung in mir wachsen, dass das Land, in dem sie erfolgreich wirkten, der Welt etwas Wichtigeres und Grundsätzlicheres zu bieten hat als die Fähigkeit, die tief zerrissene amerikanische Konsumgesellschaft zu imitieren.
Umso mehr erschrecke ich immer wieder angesichts eines unsicheren und ängstlichen Nationalismus, den ich bei vielen gebildeten Indern beobachte: Ihr Selbstwertgefühl ist offenbar so schwach ausgeprägt, dass man es durch einen einzigen Artikel in der New York Times, der etwas vom Mainstream abweicht, untergraben kann. Gerade deshalb, denke ich, müssen die Wunschbilder über eine neue Größe und Bedeutung Indiens genauer beleuchtet werden, die sich viele offenbar nur als enges Schüler-Lehrer-Verhältnis zu den USA vorstellen können.
Auf beinahe jeder Ebene scheint es den Wunsch nach einer umfassenden Vorherrschaft zu geben, wie sie die Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts genossen, als amerikanische Präsidenten die Weltpolitik bestimmten, amerikanische Manager und Hollywoodstars internationale Berühmtheit erlangten und die neoliberale Ideologie des amerikanischen Kapitalismus den Endpunkt der Geschichte zu bezeichnen schien.
Doch die Geschichte ging weiter. Während die USA in Irak und Afghanistan militärisch in einer Sackgasse stecken, stark an internationaler Glaubwürdigkeit eingebüßt haben und wirtschaftlich aufgrund ihrer hohen Verschuldung von China abhängig sind, versuchen sie verzweifelt, ihren Status der überragenden Supermacht aufrechtzuerhalten. Doch schon in der Nachbarschaft, in einigen lateinamerikanischen Staaten, stößt der Neoliberalismus auf Widerstand. Das wachsende Selbstbewusstsein Chinas, die Unabhängigkeit der EU, die Unnachgiebigkeit Russlands und die Verachtung, die Iran, Venezuela und Nordkorea offen zum Ausdruck bringen, zeigen deutlich die Grenzen der amerikanischen Macht auf.
All die Anfechtungen Amerikas in letzter Zeit machen klar, dass wir nun in einer Welt leben, in der nicht mehr eine einzige wirtschaftliche oder kulturelle Macht dominieren kann. Mit anderen Worten: Obwohl es viel zu bewundern gibt am derzeitigen Wirtschaftswachstum Indiens und der wachsenden internationalen Bedeutung indischer Geschäftsmänner, ist kaum zu erwarten, dass Nandan Nilekani, CEO (Chief Executive Officer) von Infosys, der neue Bill Gates wird und dass Bollywood schließlich sowohl über Hollywood als auch über die Filmindustrie Hongkongs triumphiert.
In einer Welt mit vielen Machtzentren wird Indiens Einfluss wohl kaum jemals mit jenem vergleichbar sein, den die Vereinigten Staaten oder Großbritannien einst genossen. Und obwohl sich manche Inder oder indischstämmige Amerikaner, die von der Globalisierung profitieren, Indien als eine Art Juniorpartner der USA wünschen, kann das nicht die Lösung für die immensen Probleme sein, die Indien hinsichtlich Armut und sozialer Ungerechtigkeit hat. Auch würde eine derartige Rolle Indien nicht dabei helfen, die größte Herausforderung zu meistern, der sich fast jedes größere Entwicklungsland seit Ende des Kalten Krieges stellen muss: die Frage, wie sich die Koexistenz verschiedener Länder und Kulturen bei globalem Wirtschaftswachstum politisch gestalten lässt.
Glücklicherweise scheint kein Land dafür intellektuell besser gerüstet als Indien. Als ich kürzlich in China war, gestanden mir viele Akademiker und Schriftsteller, mit denen ich sprach, dass sie mich um indische Denker wie Ashis Nandy und Amartya Sen beneiden, die eloquent die herrschenden Verhältnisse kritisieren und neue Visionen über menschliche Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten haben. Die Chinesen haben natürlich Recht, die Schriftsteller, Ökonomen, Historiker, Soziologen und politischen Denker zu bewundern, eine indische Intelligenzija, die tatsächlich genauso, wenn nicht beeindruckender ist als der viel beschriebene "Pool" indischer Naturwissenschaftler und Ingenieure. Doch was bedeuten diese Leute jenen Indern, die sich auf die globale Übernahme vorbereiten?
In einem Artikel über die Buchmesse 2006 in Frankfurt am Main ging es kürzlich darum, wie indische Diplomaten Ansehen und Einfluss von Indiens international bekannten Künstlern und Intellektuellen dazu nutzen wollen, um "die Qualität Indiens als eine Art neue sanfte Supermacht hervorzuheben". Ein Schriftsteller, der auch im diplomatischen Dienst ist, wurde mit den Worten zitiert: "Diese Stärke muss eingesetzt werden, um die indische Regierung in ihren außenpolitischen Zielen zu unterstützen."
Das wirkt wie eine indische Version des alten amerikanischen Versuches, "weiche" und "harte" Machtfaktoren zu verbinden. Allerdings hat sich kaum ein angesehener Schriftsteller der USA jemals vom amerikanischen Außenministerium für irgendwelche strategischen Ziele einspannen lassen; und die Monumente amerikanischer Kultur – ob von Saul Bellow oder Bob Dylan geschaffen – gründen nicht so sehr auf einer Verherrlichung amerikanischer Macht als vielmehr in der Tradition selbstkritischer Reflexion. So sehr das auf der Hand liegen mag, so wichtig scheint es mir, hier noch einmal darauf hinzuweisen, dass indische Schriftsteller und Intellektuelle ihrem Land am besten dienen können, wenn sie offen über die neuen historischen Aufgaben und die Verantwortung sprechen, die auf Indien warten, und die Fantasien und Illusionen zerstreuen, mit denen es auf seinem Weg noch zu tun haben wird.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

Quelle: KULTURAUSTAUSCH 4/2006

Mittwoch, 6. Juli 2011
Sensationeller Tempelschatz

Gold, Edelsteine, Schmuck: Allein der Materialwert des Schatzes, der in einem indischen Tempel gefunden wurde, liegt bei mehr als 15 Milliarden Euro. Jetzt entbrennt ein Streit um die Reichtümer - denn obwohl eine halbe Milliarde Inder in Armut leben, bleibt der Superfund womöglich ungenutzt.
Die Experten kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Es ist unglaublich", sagt Ajit Kumar vom staatlichen archäologischen Institut Kerala. Der Schatz im Kellergewölbe eines Tempels in der südindischen Stadt Thiruvananthapuram dürfte der größte sein, der jemals in Indien gefunden wurde: säckeweise Goldmünzen, Statuen, Diamanten, Rubine und Smaragde, außerdem eine Krone, viel Schmuck. "So etwas haben wir noch nicht gesehen", sagt Kumar.
Archäologen hatten den Wert am Wochenende zunächst auf umgerechnet 7,7 Milliarden Euro beziffert. "Das ist viel zu niedrig angesetzt", sagt Kumar. "Wir haben die Fundstücke jetzt einzeln gewogen. Allein der Materialwert beträgt nach unseren Berechnungen schon jetzt mindestens 15 Milliarden Euro." In Kürze dürften noch mehr Funde gemeldet werden, da Forscher jetzt auch die letzten beiden der insgesamt sieben Kammern geöffnet haben. "Es ist noch nicht alles gesichtet und ausgewertet worden", sagt Kumar. Der archäologische Wert liege außerdem noch viel höher. Um den zu beziffern, müssten die Experten aber noch tagelang arbeiten.
Bislang war der Sri-Padmanabhaswamy-Tempel einer von Tausenden von hinduistischen Gotteshäusern in Indien. Gläubige kamen hierhin, um Ruhe zu finden, zu beten, Räucherstäbchen anzuzünden und den Göttern Opfer darzubringen. Doch seit ein paar Tagen ist alles anders in Thiruvananthapuram, der Hauptstadt von Kerala. Plötzlich steht hier die reichste Tempelanlage des Landes. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt, drei Ringe von Polizisten schirmen es rund um die Uhr ab. Überwachungskameras und Alarmanlagen wurden installiert, demnächst sollen selbst die Priester, die ein- und ausgehen, kontrolliert werden.
Gefunden wurde der Schatz nur, weil das Oberste Gericht von Kerala entschied, dass die private Stiftung nicht mehr für die Sicherheit des Tempels aufkommen könne. Die Richter sprachen die Verantwortung für die Anlage dem Staat zu. Der schickte ein siebenköpfiges Team, das das Gebäude begutachten und eine Liste mit den Besitztümern aufstellen sollte. In den Kellergewölben stießen die Experten auf von Schlamm überzogene Gegenstände, die sich als Schatz herausstellten. Leiter der Stiftung waren Nachfahren der Königsfamilie des damaligen Travancore, die das Gebäude im 16. Jahrhundert für den Gott Vishnu erbauen ließ. Ihm zu Ehren häuften die Regenten sowie Pilger und Reisende über Jahrhunderte die Reichtümer an. Weil sie zum Teil in den Kellerräumen eingemauert wurden, gerieten sie in Vergessenheit, lautet die offizielle Erklärung.
Ob der Schatz Fluch oder Segen ist für den chronisch armen indischen Bundesstaat, muss sich noch zeigen. Gebrauchen könnte die Regierung von Kerala das Geld unbedingt: Millionen von Menschen leben in bitterer Armut. Die Infrastruktur ist marode, die öffentlichen Kassen leer. "Der Berg an Gold, Smaragden, Rubinen, Diamanten und anderen Edelsteinen in den Gewölben des Kellers, die jetzt ausgegraben wurden, stehen im extremen Gegensatz zur Staatskasse, die ständig im Minus ist", schreibt die indischen Wirtschaftszeitung "Economic Times".
Der Fund könnte den Haushalt sanieren, mit dem Geld könnten Ernährungs- und Bildungsprogramme finanziert werden, fordern indische Intellektuelle. V. R. Krishna Iyer, ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof, sagte, der Schatz müsse der Öffentlichkeit zugutekommen. Doch die Hindu-Verbände wollen davon nichts wissen. In seltener Einigkeit fordern sie, den Schatz zu belassen, wo er ist. "Er darf auf keinen Fall angerührt werden, wir müssen ihn schützen", verlangt Narayana Panikker, ein Hindu-Aktivist. "Die Gegenstände wurden dem Tempel vermacht, der Staat kann sie nicht einfach wegnehmen."
Die hindunationalistische Partei BJP teilte mit, sie werde nicht zulassen, dass auch nur eine einzige Münze aus dem Tempel entfernt werde. Die Gegenstände dürften nicht einmal öffentlich ausgestellt werden, betonte ein Parteisprecher. Der Hindu-Verband SNDP drohte sogar mit kollektivem Selbstmord, sollte die Regierung versuchen, den Tempelschatz an sich zu reißen. "Nur Hindus und die königliche Familie, die pflichtbewusst die Reichtümer gehütet hat, haben ein Recht zu entscheiden, was damit geschehen soll", erklärte SNDP-Generalsekretär Vellappally Natesan. Andernfalls, drohte er, müsste man "mit den schlimmsten Folgen" rechnen.
An solchen Schlagzeilen ist Kerala, das zunehmend vom Tourismus lebt, nicht interessiert. Oommen Chandy, Regierungschef des Unionsstaates, betont deshalb seit dem Wochenende bei jeder Gelegenheit, man werde den Schatz im Tempel belassen. "Wir werden, in Absprache mit der königlichen Travancore-Familie und dem Chefpriester, Maßnahmen zum dauerhaften Schutz erarbeiten", verspricht er.
Kommentatoren sind sich einig, dass kein Politiker den Mut aufbringen wird, die Gefühle der Hindu-Gemeinde zu verletzen. Gleichwohl ist eine Debatte über den Sinn solcher Reichtümer entbrannt, die ungenutzt in Tempelanlagen lagern, während in Indien immer noch knapp eine halbe Milliarde Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben.
Mehrere Tempel in Indien verfügen über Reichtümer, die Gläubige im Laufe der Jahrhunderte gespendet haben. Die "Hindustan Times" meldet, dass ein Tempel im Bundesstaat Andhra Pradesh über rund drei Tonnen Gold verfügen soll. Und der im April gestorbene Guru Sathya Sai Baba hinterließ Besitztümer im Wert von schätzungsweise sechs Milliarden Euro.

Quelle: Spiegel Online vom 5. Juli 2011

Freitag, 1. Juli 2011
Bei Sterilisierung gibts einen Kleinwagen!

Zur Senkung der Geburtenrate setzen Behörden in Nordindien auf freiwillige Sterilisierung und bieten dafür als Belohnung Fernseher, Küchenmaschinen und Motorräder. Pratap Singh Dutter, Kreisarzt im Bezirk Jhunjhunu im Bundesstaat Rajasthan, sagte der Nachrichtenagentur AFP, wer sich bis zum 30. September sterilisieren lasse, nehme an einer Lotterie mit vielen Preisen teil. Hauptpreis ist ein Kleinwagen Nano des indischen Herstellers Tata, der mit umgerechnet 2000 Euro als billigstes Auto oder Welt gilt.
Dutter äußerte die Hoffnung, dass es in den kommenden drei Monaten 6000 Sterilisierungen geben werde. Bislang sei die Zielmarke von 21.000 Sterilisierungen im Jahr noch weit entfernt. Im März veröffentlichte Statistiken besagen, dass Indien China als bevölkerungsreichstes Land 2030 überholen wird.
In den 1970er Jahren hatte Sanjay Gandhi, der Sohn der damaligen Regierungschefin Indira Gandhi, ein umstrittenes Programm zur Geburtenkontrolle ins Leben gerufen, das Zwangssterilisierungen von Männern mit zwei oder mehr Kindern vorsah. Damit hat die Familienplanung in Jhunjhunu, wo die Bevölkerung binnen zehn Jahren um 11,8 Prozent auf 2,1 Millionen Menschen anstieg, laut Dutter nicht zu tun. "Wir versuchen nur, zur freiwilligen Teilnahme zu ermutigen."

Quelle: AFP

Mittwoch, 1. Juni 2011
Mannomann Singh, ...

Sie entstellt aber auch gar nichts!

Montag, 30. Mai 2011
8. Indisches Filmfestival "Bollywood and beyond" bringt 40 neue Filme nach Stuttgart

Einen einmaligen Blick auf das aktuelle indische Kino ermöglicht das 8. Indische Filmfestival ‚Bollywood and beyond’, das vom Filmbüro Baden-Württemberg e. V. vom 20. bis 24. Juli 2011 im SI-Centrum Stuttgart veranstaltet wird.
Mit etwa 40 neuen Filmproduktionen ist ‚Bollywood and beyond’ eines der größten indischen Filmfestivals außerhalb Indiens. Im Filmwettbewerb kürt eine hochkarätige Jury die Gewinner. In der Spielfilm-Jury sitzen zum Beispiel der indische Erfolgsproduzent Sunil Doshi und James-Bond-Regisseur Roger Spottiswoode (‚Der Morgen stirbt nie’).
Verliehen wird der ‚German Star of India’ als Preis für den Besten Spielfilm. Dieser ‚German Star of India’ ist mit 4.000 Euro dotiert und wird vom Hauptsponsor des Festivals, Andreas Lapp, Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, gestiftet. Der ‚German Star of India’ für den Besten Kurzfilm und den Besten Dokumentarfilm ist jeweils mit 1.000 Euro dotiert. Zum dritten Mal wird der ‚Director’s Vision Award’ vergeben. Dieser Preis geht an Regisseure, die in ihrem Filmbeitrag ambitioniert den Blick auf einen kulturellen, sozialen oder gesellschaftlichen Missstand richten. Der Publikumspreis ist mit 1.000 Euro dotiert.
‘In allen Filmen werden Tradition und Fortschritt auf den Prüfstand gestellt. Alles wird hinterfragt: Der Beruf, die Liebe, die Sexualität, das Dorfleben und die rasante Entwicklung in den Metropolen. Diese Sinnsuche ist das Grundmotiv, das die meisten Filme durchzieht’, verrät Programmgestalterin Elisa Melzer. Ein Schwerpunktthema stellt ‘starke Frauen in Indien’ vor.
Siddharth, der jugendliche Schwarm vieler Südinderinnen, kommt persönlich mit einen aktuellen Kinohit im Gepäck nach Stuttgart. Der Bollywood-Beau wurde von Erfolgsregisseur Mani Ratnam entdeckt und stand auch im Megaerfolg ‚Rang De Basanti’ neben Aamir Khan vor der Kamera. Er arbeitet sowohl für das Telegu Kino als auch für die großen Bollywood-Studios.
Vor allem die Veranstaltungen und Filme, die Indien ganz nah an uns heranbringen, kommen nach den Worten von Festivalleiter Oliver Mahn beim Publikum sehr gut an. ‚Die Festivalbesucher möchten ein Erlebnis mitnehmen. Das Festival als Ganzes ist immer solch ein Event, vor allem auch, weil man die Filmemacher auch persönlich treffen kann,’ weiss Mahn.
Sehr beliebt beim Publikum sind die Tanzworkshops und die informativen Tea Talks, die sich in diesem Jahr dem Vielsprachenstaat Indien und einem beispielhaften Solarprojekt aus Baden-Württemberg in Südindien widmet.
Bereits am Mittwoch, 13. Juli, 20.15 Uhr, findet in der Kunstabteilung im Buchhaus Wittwer am Stuttgarter Schlossplatz ein Warm Up mit der Großnichte des Surrealisten Max Ernst, der Stuttgarter Künstlerin Tanja Maria Ernst, statt. Sie wird ihren indischen Gemäldezyklus präsentieren.
Festivalkino ist der CinemaxX-Filmpalast im SI-Centrum. ‚Bollywood and beyond’ öffnet in Stuttgart eine Pforte in das märchenhafte Filmland Indien und baut eine Brücke zwischen Menschen und Kulturen. Das Filmfestival mit farbenprächtigen Bollywood- und sozialkritischen Arthouse-Filmen ist die beste Sympathiewerbung für die schillernde Vielfalt des indischen Subkontinents.
An allen Festivaltagen präsentiert sich das SI-Centrum in einem magischen indischen Gewand. Das Millennium Hotel & Resort Stuttgart und die SI-SUITES bieten zum Event Spezialangebote für Übernachtungsgäste an. Im Rahmen des Festivals hat sich auch das Indo-German Business Forum einen festen Platz erobert.

Quelle: INDIEN AKTUELL MAGAZIN

Mittwoch, 9. März 2011
Nun ist es amtlich: Inder sind Chauvis!

Eine internationale Studie über das Verhalten von Männern sorgt für eine hitzige Diskussion in Indien: Sie outet die Inder als Weltmeister in Chauvinismus, häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung. Die Reaktionen reichen von Scham bis Trotz.
Indien ist eine frauenfeindliche Gesellschaft. Frauen gelten als Belastung, als jene, die nur Geld kosten, kein Einkommen erwirtschaften. Eine Tochter muss man verheiraten, sie zieht zur Familie ihres Mannes, man muss ihr eine Mitgift zahlen und sich dafür notfalls verschulden. Söhne dagegen sind eine Altersvorsorge, sie bleiben bei den Eltern und kümmern sich um sie, wenn sie alt sind. Söhne sind deshalb beliebter als Töchter, immer noch.
In einer Gesellschaft, die Jungen verhätschelt und Mädchen tötet, wachsen Männer mit Allmachtsphantasien heran. "Gewalttätige Männer sind ein großes Problem, die Zahlen sind alarmierend", sagt die Verlegerin Ritu Menon, die 1984 mit "Kali for Women" den ersten feministischen Verlag in Indien gegründet hat. Als weitere Ursache für die Gewalt sieht Menon die "extreme wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen". Diese bringe Männer in eine Machtposition, die sie häufig ausnutzen.
Tatsächlich handelt es sich bei der männlichen Gewalt um ein Phänomen, das in ganz Indien verbreitet ist, unter Muslimen ebenso wie unter Hindus. Das Urlaubsparadies Goa machte in den vergangenen Jahren häufiger mit Vergewaltigungsfällen Schlagzeilen. Fälle von Ermordungen von Mädchen gleich nach der Geburt werden in allen indischen Bundesstaaten registriert. Prostitution, auch im Namen der Religion, sogenannte Tempelprostitution, ist weit verbreitet. In den vergangenen Jahren haben sich viele Bollywood-Spielfilme mit Gewalt gegen Frauen auseinandergesetzt.
Mit der pünktlich zum Weltfrauentag veröffentlichten internationalen Studie IMAGES (International Men and Gender Equality Survey) bekommt das Thema nun plötzlich eine ebenso nüchterne wie erschreckende Zahlenbasis. Die Geschlechterrollen vergleichende Untersuchung der Organisation International Center for Research on Women (ICRW) und des Instituto Promundo in Brasilien basiert auf Befragungen von Männern und Frauen in Brasilien, Chile, Indien, Kroatien, Mexiko und Ruanda. Fast durchweg kommen dabei die indischen Machos äußerst schlecht weg.
So gaben 24 Prozent der befragten Inder zu, in ihrem Leben schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt zu haben - zweieinhalb Mal mehr als in jedem anderen der untersuchten Länder. 37 Prozent aller befragten Inder gaben an, schon einmal physische Gewalt gegen ihre Frau ausgeübt zu haben - mit 39 Prozent ist die Quote nur in Ruanda höher.
Mehr als 90 Prozent der Inder bekannten außerdem, ihren Ruf notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen, sich zu schämen, wenn sie keine Erektion bekämen oder wenn ihr Sohn schwul wäre. In gerade diesen Fragen steht Indien im Vergleich nicht gut da - obwohl auch die anderen Länder kaum als Bollwerke der Emanzipation gelten dürften.
Die Studie mit dem Titel "Evolving Men" ist dabei keine Klageschrift. Ganz nüchtern fragt sie verschiedene Punkte ab: generelle Einstellungen (Wer sollte Windeln wechseln? Wer sollte im Haushalt mitarbeiten?), psychische Befindlichkeiten (Selbstwertgefühl, Depressionsneigungen usw.) sowie kommunikative Probleme (Wird über eigene oder gemeinsame Probleme geredet?). Und sie stellt eben auch sehr konkrete Fragen nach häuslicher und sexueller Gewalt.
Besonders interessant sind die unterschiedlichen Angaben der befragten Männer und Frauen. Während 37 Prozent aller befragten Inder psychische Gewalt zugaben, nannten die Frauen dort deutlich niedrigere Zahlen. In anderen Ländern hingegen geben sie wesentlich höhere Werte an als die dortigen Männer. Offenbar gibt es kulturelle Kontexte, in denen Frauen Gewalt eher verschweigen und andere, in denen das eher Männersache ist.
Auch die Angaben über die Rollenverteilung lassen Schlüsse auf die Gesellschaft zu. So geben 60 Prozent der Brasilianer und 52 Prozent der Ruander an, häusliche Pflichten zu übernehmen. Das können aber nur 26 respektive 23 Prozent der Frauen bestätigen. Offenbar wissen die Männer, dass hier mehr von ihnen erwartet wird.
Auf jeden Fall hat die Studie in Indien eine öffentliche Diskussion ausgelöst. "Indische Männer führen bei sexueller Gewalt, schneiden bei Gleichberechtigung am schlechtesten ab", schreibt die "Times of India" am Tag nach der Veröffentlichung. Ein indischer Mann glaube, "dass er die Befehlgewalt haben muss, dass er über der Frau steht", kommentiert ein namenloser Internetnutzer auf der Website der Zeitung. "Außerdem haben indische Männer ein geringes Selbstbewusstsein und können keinem ebenbürtigen Partner standhalten, so dass sie jemanden heiraten, der ihnen in der einen oder anderen Weise unterlegen ist", heißt es in dem Eintrag. Doch in den Foren der Zeitung wird auch diskutiert, wie die Daten erhoben wurden, ob sie wirklich repräsentativ und wahr sein können. Der User Soham Shah kritisiert die Studie, weil ein Großteil der Befragten aus Neu-Delhi stamme. Nordinder, insbesondere Männer aus der Provinz Punjab, seien "heißblütig" und hätten "weniger Respekt vor Frauen" als Südinder, behauptet er. Daher sei die Umfrage nicht repräsentativ. Man könne aus der Zahl von sexuellen Übergriffen in Neu-Delhi keine Rückschlüsse auf den Rest des Landes ziehen. Ein weiterer Kommentator fragt, wenn Indien tatsächlich die Liste der Länder mit den gewalttätigsten Männern anführe, seien dann die Berichte über Gewalt in muslimischen Ländern "nur Propaganda"?
Der Vorwurf mangelnder Repräsentativität ist nicht von der Hand zu weisen: "Evolving Men" ist eine Stichprobenuntersuchung - wenn auch eine breit angelegte. Befragt wurden Menschen beiderlei Geschlechts, in Indien vor allem in Neu-Delhi sowie in der Stadt Vijayawada im Bundesstaat Andhra Pradesh, die einschließlich ihrer Vorstädte rund eine Million Einwohner hat. Nicht befragt wurden also Menschen im ländlichen Raum. Das aber macht die Sache kaum besser: Konservative, patriarchalisch gefärbte Einstellungen würde man eher dort vermuten. In der indischen Gesellschaft scheinen die aber schon im urbanen Raum mehr als deutlich ausgeprägt.
Feministin Ritu Menon glaubt trotz allem nicht, dass die Gewalt gegen Frauen in Indien weiter verbreitet sei als in vielen andern Ländern. "In Amerika und Europa sieht es auch oft düster aus, ganz zu schweigen von der Situation in vielen islamischen Ländern." Dort gebe es ähnliche Vorbehalte gegenüber Töchtern, sagt die Verlegerin.
In Indien habe ihrer Meinung nach die Gewalt in den vergangenen Jahren nicht zugenommen - es werde jedoch mehr darüber gesprochen. "Das ist das Ergebnis der Arbeit von vielen Frauenorganisationen", sagt Menon. "Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Gewalt gegen Frauen keine Familienangelegenheit ist, sondern eine Straftat. Das ist die gute Nachricht bei diesem Thema."

Quelle: Spiegel Online

Freitag, 3. Dezember 2010
Promis, Prügel, pure Lust – Halbmarathon in Neu Delhi

„The world richest Half Marathon“ lautete die Werbung für diesen Stadt-Halb-Marathon. Insgesamt machten sich am Morgen des 21. Novembers so um die 30.000 Männer und Frauen auf den Weg, um am Halbmarathon oder an einem von drei weiteren Spaß-Läufen teilzunehmen.
Um sicherzustellen, dass die Läufer nicht mit Pistolen, Maschinengewehren oder Messern bewaffnet den Lauf antreten, wurde jeder der 30.000 Läufer genau untersucht. Übersehen wurden dabei aber leider die Handys, die nahezu jeder Läufer dabei hatte. Auf jeden Fall nahm die peinlich genaue Kontrolle so viel Zeit in Anspruch, dass die große Masse der Läufer die Startlinie erst lange nach dem Startschuss um 7:30 Uhr überquerte.
Doch das war erst der Beginn des Chaos: Kurz nach der Startlinie hatten die Veranstalter eine Tribüne für die Ehrengäste aus Politik, Film und Sport aufgebaut. Grund genug für Hunderte, dort erst einmal ein wenig zu verweilen, um den Stars aus Bollywood zuzujubeln. Schlecht für die seriösen Läufer, die sich durch diesen Pulk stehender Menschen kämpfen mussten. Doch damit nicht genug: Nach weiteren und wenigen Metern rächte es sich dramatisch, dass bei den Eingangskontrollen die Handys nicht einkassiert wurden. Denn nun mussten ja erst einmal Freunde und Verwandte (und davon hat ein Inder sehr viele) über die Stars der Filmbranche informiert werden. Nein, dazu geht man nicht an den Rand der Laufstrecke, sondern erledigt das Telefonat mitten auf dem Weg stehend und wild gestikulierend.
Was bleibt dem armen Läufer (dem, der wirklich laufen möchte)? Entweder um all die stehenden Halb-Marathonis herumzulaufen oder sie gelegentlich auch beiseite zu schubsen (nicht nett, aber unabdingbar). Erst ab Km 8 wurde der Lauf tatsächlich zu einem ordentlich Halb-Marathon. Von den ca. 10.000 angetretenen Läufern gaben etwa 5.000 auf den ersten fünf bis sieben Kilometern erschöpft auf. Kein Wunder, da sicherlich ganz viele der gemeldeten „Athleten“ nie weiter als 250 Meter am Stück in ihrem Leben gerannt waren.
Ab jetzt war der Lauf die pure Lust. Eine flache Strecke, die durch die schönsten Ecken der indischen Hauptstadt führte. Angenehme Temperaturen und eine gute Stimmung der Zuschauer am Straßenrand sorgten dafür, dass der Zeitverlust auf den ersten acht Kilometern noch halbwegs eingeholt werden konnte.
Glücklich im Ziel angekommen gab es dann noch einmal einen richtigen Beweis für ausgeprägte „Friedfertigkeit“. Offensichtlich hatten die Veranstalter nicht genügend Medaillen produziert, auf die aber die Finisher bestanden. Es kam zu Tumulten, Schlägereien und Einsätzen der Polizei, um die aufgebrachten Läufer wieder zu beruhigen.

Quelle: achim-achilles.de

Mittwoch, 24. November 2010
Mobiltelefonverbot für Frauen?

Telekommunikation ist wichtig, manch einer jedoch scheint der Meinung zu sein, dass man es damit auch übertreiben kann. Der Dorfrat von Lakh im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh verhängte jetzt für unverheiratete Frauen ein Handy-Verbot. Der Grund? Allein im vergangenen Jahr sollen 23 Paare durchgebrannt sein und heimlich geheiratet haben - über alle Kastengrenzen hinweg und gegen den Willen ihrer Eltern, berichtete die Zeitung "The Telegraph" am Mittwoch. Um in Zukunft solch illegitime Verbindungen zu unterbinden, rückte man dem Problem im Distrikt Muzaffarnagar mit sehr pragmatischen Mitteln zu Leibe. Man sei davon überzeugt, dass die jungen Leute ihre Flucht per Mobiltelefon geplant hätten, erklärte ein Sprecher des Rates, der 300 Gemeinden vorsteht. Die Lösung sei mithin sehr einfach: "Eltern müssen sicherstellen, dass ihre unverheirateten Töchter keine Handys benutzen." Junge Männer dürften weiter telefonieren, allerdings nur unter Aufsicht der Eltern. Darüber hinaus sollten Single-Frauen es in Zukunft vermeiden, enge Kleidung zu tragen und bei Festen auf der Bühne zu tanzen - private Hauspartys inbegriffen. Nicht nur nationale Frauenrechtsgruppen protestierten gegen die Einschränkungen, auch im Dorf gebe es Frauen, die den Sinn dieser Maßnahme nicht erkennen könnten, berichtete die "Times of India". Das Kastensystem wurde mit Verabschiedung der indischen Verfassung im Jahr 1950 offiziell abgeschafft. Vor allem auf dem Land sind die jahrhundertealten Praktiken jedoch noch immer weit verbreitet, die unter anderem Liebesbeziehungen über Kastengrenzen hinweg verbieten. Dorfräte dürfen sich nach indischem Recht nicht in private Angelegenheiten einmischen. Das Handy-Verbot ist daher nicht bindend. Allerdings verfügen die traditionellen Gremien in den Gemeinden über erheblichen Einfluss, so dass Entscheidungen meist befolgt werden.

Quelle: Spiegel Online 24.11.2010

Donnerstag, 14. Oktober 2010
Kinotipp

Nathas Land soll zwangsversteigert werden – aber seine ganze Familie ist von der Ernte abhängig: die drei zerlumpten Kinder, die ewig zeternde Mutter, die nörgelnde Ehefrau, der Bruder, der viel mehr von der Welt versteht, und Natha selbst, der am liebsten Löcher in die Luft starrt. Es scheint keinen Ausweg zu geben außer einem Regierungsprogramm: Vom Staat gibt es eine hohe Prämie für die Hinterbliebenen, wenn ein Bauer sich umbringt. Sein Bruder drängt Natha zum Selbstmord, um seine Familie abzusichern, und als er einwilligt, wird er zum Spielball einer Lawine von Ereignissen: Lokale Wahlen stehen vor der Tür, und hochrangige Politiker und die Sensationsmedien fallen in Nathas verschlafenes kleines Dorf Peepli ein. Was ein Bauernselbstmord unter Tausenden hätte sein können, wird zu einem Skandal, von dem jeder profitieren will. In dem Chaos interessiert sich bald niemand mehr für Nathas Gefühle.
Produziert hat diese Tragikomödie Indiens aktueller Superstar Nummer eins: Aamir Khan spielte die Hauptrollen in sehr erfolgreichen Bollywoodfilmen, "Lagaan", "Tare Zameen Par", "Ghajini" aus dem Jahr 2008 und "3 Idiots" von 2009. Als Produzent schlägt sein Herz durchaus jenseits von Bollywood, wie er nicht zuletzt mit Live aus Peepli – Irgendwo In Indien beweist. Jenseits gängiger Bollywood-Klischees zeichnet LIVE AUS PEEPLI – IRGENDWO IN INDIEN ein lebendiges, authentisches Bild der Widersprüche des indischen Lebens: Armut und unmenschliche Arbeitsbedingungen auf dem Land, Megacities mit hochmodernen Massenmedien, machthungrige Großgrundbesitzer und korrupte Politiker.

LIVE AUS PEEPLI - Irgendwo in Indien
Ein Film von Anusha Rizvi
KINOSTART 11. November 2010
Indien 2009, 105 Minuten, OmdU

http://www.rapideyemovies.de

Donnerstag, 30. September 2010
Indien scannt all seine Einwohner

Es ist das größte Biometrieprojekt der Welt: 1,2 Milliarden Inder will es erfassen, zum Wohl aller, heißt es. Doch geht es vor allem um Geld für Wirtschaft und Staat.
In Tembhli, im Südwesten Indiens, geht es hektisch zu. Sonia Ghandi, Präsidentin der indischen Kongresspartei, hat gemeinsam mit anderen Offiziellen ihren Besuch angekündigt. Zur Feier wurden alle Häuser des kleinen Dorfes an das Stromnetz angeschlossen. Die Straßen sind frisch asphaltiert und die örtliche Schule erstrahlt in neuer Farbe. Ganz Indien blickt auf das unscheinbare Dorf, in dem am Mittwoch die ersten zehn Bürger Indiens ihre persönliche Identifikationsnummer, kurz UID, erhalten werden. Mangu Sonawne ist einer von ihnen. "Man hat uns eine Karte versprochen", sagt der Landwirt der indischen Zeitung The Hindu, "aber wir wissen gar nicht für was". Sonawne ist nicht allein. Aadhar nennt sich das Projekt, das allein in den kommenden vier Jahren 600 Millionen Inder mit UIDs ausrüsten soll – übersetzt bedeutet Aadhar Grundlage oder auch Unterstützung. Die Grundlage wofür und Unterstützung für wen? Die Meinungen gehen auseinander. Das Vorhaben helfe der Bevölkerung, sagen die Verantwortlichen. Nichts da, es unterstütze vor allem Politik und Wirtschaft, sagen die Kritiker. Jedenfalls in einem Punkt ist man sich einig: Aadhar ist ein Mammutprojekt. Rund 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Sie alle sollen früher oder später erfasst werden. Um eine der 12-stelligen Nummern zu bekommen, müssen die Bewohner nicht nur ihre persönlichen Daten, sondern auch ihre Fingerabdrücke, Iris-Scans und Passfotos hinterlassen. Damit ist Aadhar das größte Biometrie-Projekt der Welt. Um den Ablauf zu kontrollieren, wurde im Februar vergangenen Jahres mit der UIDAI eigens eine Behörde gegründet. Sechs Milliarden Dollar soll das Projekt nach offiziellen Angaben kosten. Doch das sei Wunschdenken, sagen einige Experten: Die Kosten könnten sich auf über 30 Milliarden belaufen, heißt es.
Die indische Regierung verteidigt das Projekt. Es soll zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine klare und eindeutige Identifikation aller Bürger ermöglichen. Aktuell weisen sich die Inder, wenn überhaupt, über eine Vielzahl von Dokumenten aus: Führerscheine, Essensmarken, Wahlzettel – Fälschungen und Korruption sind allgegenwärtig. Dem soll Aadhar ein Ende machen. Vor allem Einwanderer, Arme und die ländliche Bevölkerung sollen davon profitieren: Durch eindeutige Identifikation können sie künftig Bankgeschäfte tätigen, Sozialhilfe beantragen und eine Schulausbildung bekommen. Befürworter des Projekts glauben, dass längerfristig die Menschen unterhalb der Armutsgrenze gestärkt werden.
Doch die Kritik an der UID ist laut. Viele fürchten, dass das Projekt ein Schnellschuss sei, unausgeklügelt und nicht ausgelegt für den riesigen Umfang. Viele Menschen leben in abgeschiedenen Regionen ohne Strom und festen Wohnsitz. Um überhaupt alle Bürger zu erreichen, müssen 30.000 Leute ausgebildet und 22.000 Standorte für die Erfassung errichtet werden. Dazu kommen Probleme mit Datenschutz und Privatsphäre. 220 Behörden und Firmen, darunter Banken, IT- und Telekommunikationsunternehmen, sind mit der Aufnahme der Daten vertraut. Sie alle sollen ihre Ergebnisse in eine zentrale Datenbank einspeisen. Viele Kritiker fürchten nicht nur Angriffe durch Hacker von außerhalb, sondern auch die unautorisierte Nutzung der Daten. "Die Informationen werden an Behörden, Banken und Unternehmen weitergegeben und niemand weiß, wofür sie letztlich verwendet werden", sagte Usha Ramanathan, ein Anwalt und UID-Gegner der Washington Post. Zudem enthalte der Gesetzesentwurf noch immer zahlreiche Schwachstellen im Hinblick auf unerlaubte Nutzung der Daten. Und dann gibt es noch eine ganz anders motivierte Befürchtung. Einige Inder glauben, dass durch die UID Millionen illegaler Einwanderer staatliche Hilfeleistungen in Anspruch nehmen könnten. Die Regierung kontert die Anschuldigungen: Wer seine Daten nicht preisgeben möchte, müsse schließlich keine UID beantragen. Das Projekt ist freiwillig – jedenfalls theoretisch. Doch die Praxis sieht anders aus. Schon jetzt verlangen viele Einrichtungen und Dienstleistungen in Indien einen Identifikationsnachweis. Mit der Einführung der UID wird die Zahl steigen. Immer mehr Bürger werden damit indirekt gezwungen, eine Nummer zu beantragen. Dabei ist die indische Regierung ohnehin nicht auf die Kooperation der Bürger angewiesen. Denn bereits seit April diesen Jahres läuft in Indien ein zweites, ganz ähnliches Projekt: Die Volkszählung 2011. Auch hier werden biometrische Daten aller Bürger erfasst. Und zwar verpflichtend. Zusätzlich dazu werden auch Informationen zu Religion und Kaste der Bürger eingeholt – genau jene Daten, die bei Aadhar ausdrücklich nicht erfasst werden, um Diskriminierung oder mögliches Profiling zu verhindern. Das Erstaunliche an beiden Projekten ist, dass sie offensichtlich dem gleichen Zweck dienen. Denn die Daten werden zusammengeführt. Nandan Nilekani, Vorsitzender der UIDAI, bezeichnete Aadhar sogar öffentlich als "Backoffice" des Zensus: Seine Behörde gleicht die Daten ab und versieht jeden Bürger mit einer Nummer. Somit spielt es keine Rolle, ob die Bürger eine UID möchten oder nicht: Sie bekommen sie trotzdem. Und die Behörden bekommen die Daten. Angesichts dieser aggressiven Politik stellt sich die Frage, wer wirklich davon profitiert. Denn tatsächlich steckt hinter Aadhar weit mehr als die vermeintliche Unterstützung der Bürger. Es geht um Lobby- und Wirtschaftsinteressen. Kurz, es geht um viel Geld. Da wäre zum einen die indische Regierung. Nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten erhofft sie sich Einsparungen von bis zu vier Milliarden US-Dollar pro Jahr. Denn mit der UID werde nicht nur die Korruption reduziert, sondern es qualifizieren sich auch mehr Leute für die Einkommenssteuer. Momentan zahlen diese nur knapp fünf Prozent der Bevölkerung. Jede Abfrage der Daten durch externe Unternehmen oder Dienstleister spült zudem Geld in die Staatskasse. Dazu gehören auch die Banken. Sie erhoffen sich mehr Kunden: Sogenannte "Mikro-Kredite", die es nur nach Vorlage eines Ausweis gibt, sollen gerade ärmere Bürger anlocken. Die Gefahr, dass diese sich dadurch zusätzlich verschulden könnten, erwähnt dabei niemand. Der wohl größte Gewinner des Projekts ist aber die IT-Branche. Das ist wenig überraschend, ist der UIDAI-Vorsitzende Nandan Nilekani doch ehemaliger Geschäftsführer von Infosys, einem der größten IT-Unternehmen Indiens. 2004 nannte ihn Forbes einen der 25 einflussreichsten Männer Asiens. Dass sein Ex-Unternehmen maßgeblich am Aufbau der Infrastruktur für Aadhar beteiligt ist, dürfte wenige verwundern. Mehr als vierzig hochrangige IT-Experten gehören mittlerweile dem Projekt an. Große Firmen wie HP, IBM und Intel stellen Software und Ressourcen zur Verfügung. Und auch die deutsche Wirtschaft profitiert: Mit dem Jenaer Unternehmen Cross Match ist ein weltweit führender Anbieter biometrischer System an Aadhar beteiligt. Die Bewohner von Tembhli wissen davon nichts. Sie freuen sich über die zusätzlichen Getreiderationen, die ihnen die Regierung geschenkt hat. Wenn die Politiker und Medien am Ende der Woche weiterziehen, werden auch sie das Dorf wieder verlassen, um auf den Feldern der Region zu arbeiten. Nur diesmal werden sie eine Nummer mit sich herumtragen. Eine Nummer, mit der sie nichts anfangen können.

Quelle: Zeit online / Getty Images

Dienstag, 28. September 2010
Commonwealth Games in Indien - Blamiert sich der Elefant?

Es sollten die "besten Spiele der Geschichte" werden, doch nun droht Indien mit den Commonwealth-Spielen eine Riesen-Blamage. Gewalt auf den Straßen, unzumutbare Athletenquartiere, gefährliche Baumängel und Seuchengefahr - da möchten viele Athleten gar nicht erst anreisen. Bis vor kurzem hatten sie noch an sich selbst geglaubt, daran, dass es alles noch wie durch ein Wunder klappen könnte, trotz viel zu langsamer Bauarbeiten, trotz ständiger Korruptionsvorwürfe, trotz Kritik am Missmanagement. Die Südafrikaner hatten doch auch die Fußballweltmeisterschaft auf die Beine gestellt, obwohl die ganze Welt daran gezweifelt hatte, dass sie es können. Da sollte Indien doch die Commonwealth Games organisieren können, redete man sich ein - jenes große Sportereignis, an dem alle vier Jahre Sportler aus den Ländern des ehemaligen britischen Empire teilnehmen. Aber dann kam alles viel schlimmer: Am Sonntag feuerten Terroristen von einem Motorrad aus auf einen Reisebus, direkt vor der Jama-Masjid, der Freitagsmoschee im Zentrum der Altstadt von Delhi. Zwei Touristen aus Taiwan mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Islamisten bekannten sich später zu der Tat. Am Dienstag stürzte eine neue Fußgängerbrücke zum Jawaharlal-Nehru-Stadion ein, wo am 3. Oktober die Spiele eröffnet werden sollen. 23 Bauarbeiter wurden verletzt. Einen Tag später brach im Stadion selbst eine Decke ein, 27 Menschen mussten behandelt werden. Die Behörden erklärten sofort, das "kleinere Unglück" liege nicht an Bau- oder Konstruktionsfehlern, sondern daran, dass ein Mann, der auf dem Dach herumkletterte, heruntergefallen sei. Experten befürchten außerdem, dass sich das Dengue-Fieber demnächst rasch ausbreiten wird. Die Krankheit wird von Mücken übertragen, die Plage ist im Oktober besonders groß. Bislang haben die Behörden mehr als 2500 Fälle registriert. Und: Internationale Inspektoren waren entsetzt, als sie die Sportstätten und Unterkünfte besichtigten. Mehrere indische Zeitungen berichteten, sie hätten Straßenhunde in den Betten gesehen, außerdem Kot in den Zimmerecken vorgefunden. Die Toiletten seien "völlig verdreckt und ekelhaft" gewesen, überall habe Müll herumgelegen, Strom- und Wasserversorgung sowie Möblierung der Räume seien unzureichend. Fazit: Die Wohnräume seien "schmutzig und unbewohnbar". "Wenn es nicht so erniedrigend wäre, wäre es eigentlich komisch", schreibt der indische Journalist Leo Mirani in der Online-Ausgabe des "Guardian". Die Commonwealth Games sind ein internationaler Wettkampf, hervorgegangen aus den "British Empire Games", als Großbritannien noch eine Weltmacht war und auf sportliche Weise den Zusammenhalt der Kolonien stärken wollte. Im November 2003 erhielt Neu-Delhi den Zuschlag für 2010 und versprach die "besten Spiele der Geschichte". Doch bis 2008 tat sich nur wenig, gleichwohl wurde die U-Bahn weiter ausgebaut und ein neuer Flughafen eröffnet. Rund 7000 Sportler und Funktionäre aus den sogenannten Commonwealth-Staaten werden jetzt in Neu-Delhi erwartet, 17 Sportarten stehen auf dem Programm. Delhi hat mit den Asienspielen bereits zweimal größere Sportveranstaltungen ausgerichtet, 1951 und 1982. Die Commonwealth-Spiele sind aber der größte Wettbewerb, den die Stadt je zu organisieren hatte. Doch bei dem Chaos in Neu-Delhi ziehen immer mehr Sportler ihre Teilnahme zurück oder verschieben ihre Anreise nach Indien, um die weiteren Entwicklungen abzuwarten. Die Teams aus Kanada, Schottland und Neuseeland kündigten an, später als geplant nach Delhi zu fliegen. Wann, ließen sie offen. Australiens Regierungschefin Julia Gillard erklärte, sie habe Sicherheitsbedenken. Australische Medien berichteten, das Land werde Polizisten nach Neu-Delhi schicken, die für die Sicherheit der australischen Sportler sorgen sollten. Außerdem werde das Land "Hygieneexperten" entsenden. Indiens Premierminister Manmohan Singh hat die Angelegenheit inzwischen zur Chefsache gemacht. Indische Politiker und Wirtschaftsbosse haben in den vergangenen Jahren mühevoll am Bild einer selbstbewussten, aufstrebenden Nation gemalt - jetzt hat das Image innerhalb weniger Tage Schaden genommen, der Ruf des Landes steht auf dem Spiel. Einer Umfrage der "Hindustan Times" zufolge schämen sich 68 Prozent der befragten Menschen in Neu-Delhi wegen der Zustände zehn Tage vor Beginn der Spiele. Das Ganze sei eine "nationale Schande", schreibt die Zeitung. Singh traf sich am Donnerstagabend mit seinem Sportminister M.S. Gill und dem für Stadtentwicklung zuständigen Minister Jaipal Reddy, um über eine Lösung des Problems zu sprechen. Reddy hatte vor dem Treffen der BBC gesagt, dass die Medien die Probleme übertrieben dargestellt hätten. Es herrschten lediglich Missstände bei den Toiletten im Athletendorf - abgesehen davon gebe es keine Probleme. Aus dem Umfeld des Regierungschefs hieß es, Singh wolle in den Gesprächen ermitteln, wie weit die Veranstaltung von einem Scheitern entfernt sei. Wenn sinnvoll, wolle er "alles in Bewegung setzen, damit die Spiele doch noch ein Erfolg werden", sagte ein Mitarbeiter Singhs. Es gehe um das Ansehen Indiens, darum, ob eine "zukünftige wirtschaftliche Großmacht" die Organisation eines Großereignisses stemmen könne, kurz: "Es ist so etwas wie eine Schicksalsfrage für uns." Mehrere Top-Athleten, darunter der britische Dreispringer Phillips Idowu, zogen ihre Teilnahme an den Commonwealth Games zurück, trotz Beteuerungen der indischen Behörden, doch noch für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Idowu verkündete per Twitter im Internet: "Sorry, Leute, aber ich muss an meine Kinder denken. Meine Sicherheit ist denen wichtiger als eine Medaille." Die Spiele bedeuteten ihm viel, die Commonwealth Games seien der Wettbewerb, bei dem er seine erste Medaille gewonnen habe. Aber all die schlechten Nachrichten hätten ihn zu dem Entschluss gebracht, trotzdem nicht dabei zu sein. Die australische Diskus-Weltmeisterin Dani Samuels ließ nach dem Anschlag vor der Freitagsmoschee über ihren Manager verkünden, sie wolle nicht ihr Leben für einen sportlichen Erfolg riskieren. Der Geschäftsführer der Commonwealth Games, Mike Hooper, erklärte Journalisten, es habe in den vergangenen Tagen durchaus Fortschritte sowohl bei der Sicherheit als auch bei der Hygiene gegeben. "Allerdings muss noch mehr geschehen." Michael Fennell, Präsident der Commonwealth Games, bat um ein Treffen mit Premierminister Singh, er gehört zu den größten Kritikern der hygienischen Zustände im Athletendorf. Lalit Bhanot, Generalsekretär des Organisationskomitees in Neu-Delhi, schockierte die Öffentlichkeit, als er, von Journalisten mit den Vorwürfen zu verdreckten Unterkünften konfrontiert, ernsthaft erklärte: "Jeder hat andere Maßstäbe für Sauberkeit und Hygiene. Was der eine für sauber hält, mögen andere nicht für rein halten." Man müsse sich jedenfalls nicht dafür schämen.

Quelle: Spiegel Online vom 23. September 2010

Montag, 27. September 2010
Rettung für James Bond

Von „Manche mögen’s heiß“ über „Rocky“ bis „James Bond“ – MGM gehört zu den traditionsreichsten Filmstudios der Welt. Dem Unternehmen droht die Insolvenz. Nun interessieren sich Inder für das Studio. Bollywood schielt nach Hollywood: Das indische Konglomerat Sahara India Pariwar erwägt, das überschuldete Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer zu kaufen. Die Gespräche seien in einem frühen Stadium, schrieb das „Wall Street Journal“ am Montag. Der aufgerufene Preis liegt momentan bei rund zwei Milliarden Dollar. Seit Monaten ringen Größen aus dem Filmgeschäft um die Zukunft von MGM. Das Studio leidet unter einer Schuldenlast von rund vier Milliarden Dollar. Die Gläubiger – mittlerweile größtenteils Hedge-Fonds – stehen kurz davor, die Macht bei dem Traditionshaus zu übernehmen. Wegen des Hickhacks verzögert sich unter anderem der nächste „James Bond“. Um den 23. Film über den britischen Geheimagenten 007 letztlich doch noch fertigzustellen, hat sich die Produzentenfamilie Broccoli mit den Indern kurzgeschlossen. Was MGM interessant macht, ist Hollywoods größte Filmsammlung mit mehr als 4000 Titeln, darunter Klassiker wie „Vom Winde verweht“. Neue Filme produzierte MGM zuletzt nur noch wenige im Jahr.

Montag, 20. September 2010
Schwarz-Gelb muss weg. Auch in Mumbai.

Bisher erkannten Touristen Taxis in Mumbai problemlos an ihrer Lackierung: schwarzer Rumpf, gelbes Dach. Doch der Verkehrsminister des indischen Bundesstaates Maharasthra, Vikhe Patil, will nun das Aussehen der Fahrzeuge ändern. Alle neuen Taxis sollen in der Film- und Finanzmetropole künftig in den Farben beige und braun lackiert werden.
Die Gewerkschaft der Taxifahrer fühlt sich übergangen. "Der Minister hat diese Entscheidung getroffen, ohne uns zu fragen", sagte Generalsekretär A.L. Quadros am Freitag. Es gebe keinen Grund, die Taxifarben zu ändern. "Patil soll sich um andere Dinge kümmern. Zwei Arten von Taxis in Mumbai bringen die Leute doch nur durcheinander", sagte Quadros.
Die Farbe der Taxis sei typisch für die Stadt, wie Schwarz in London und Gelb in New York. "Schwarz-gelb ist ein Kulturerbe. Ich werde dem Minister ein Protestschreiben schicken", sagte Quadros. Die Gewerkschaft vertritt 40.000 der insgesamt 55.000 Taxifahrer in Mumbai.
Die Taxis, die im frühen 20. Jahrhundert im damaligen Bombay ihren Dienst begonnen hatten, sind zu einem Markenzeichen der Stadt geworden. Sie kommen in Bollywoodfilmen vor und sind auf Souvenir-T-Shirts gedruckt.

Quelle: Spiegel Online vom 17.09.2010

Freitag, 17. September 2010
Monsun 2010

Es war ein großartiger Monsun in diesem Jahr. Ich komme seit 12 Jahren hierher, und habe so einen anhaltenden Regen noch nie erlebt. Man konnte zusehen, wie sich die Seen langsam wieder füllen und die Wüste zu blühen beginnt. Alles ist saftig grün derzeit. Aller Durst ist gestillt.

Dienstag, 22. Juni 2010
Eiskunstlauf nach Bollywood-Art

Meryl Davis and Charlie White (USA)
Bitte auf die Überschrift klicken, um das Video zu starten.

Freitag, 12. März 2010
"Wie Adolf nach Indien kam"

Von Hasnain Kazim
"Als Deutscher erntet man in Indien und Pakistan viel Anerkennung. Leider auch für Dinge, mit denen man absolut nichts zu tun haben möchte. Vor allem Hitler-Bewunderer gehen einem schwer auf die Nerven. Und manchmal möchte man vor Scham am liebsten im Boden versinken. Pakistan ist das Gegenteil von Deutschland: Im Norden ragen die Berge in den Himmel, das Meer brandet im Süden an die Küste, die Problemzonen mit Arbeitsmangel und Radikalen finden sich im Westen, die blühenden Landschaften im Osten. An diese verkehrte Welt gewöhnt man sich recht schnell. Doch mit einem Gegensatz findet man sich nicht ab: Die meisten Menschen hier mögen Hitler. Kürzlich war ich beim Friseur, einem alten Mann, der noch ohne Haarschneidemaschine und anderem elektronischen Schnickschnack arbeitet. Eine klapprige Schere, ein Kamm, eine Sprühflasche mit Wasser, das ist sein Werkzeug. Das Ergebnis war akkurat, aber ich war trotzdem nicht glücklich. Ich sagte: "Ich sehe aus wie Hitler." Er betrachtete mich im Spiegel, lächelte zufrieden und sagte: "Yes, yes, very nice." Ich verzichtete auf eine Diskussion, fuhr nach Hause und bemühte mich, den Scheitel zu beseitigen. Gut, dass es nicht wieder zu dem üblichen Hitler-Gespräch gekommen war. Pakistaner suchen dieses Thema, wenn sie erfahren, dass man aus Deutschland kommt. "Wir sind auch Arier", sagen sie dann, weil sie irgendwo aufgeschnappt haben, dass es ein indogermanisches Urvolk gab, die Aryas. Und: Hitler, ach, was war das für ein genialer Feldherr! Manchmal ist es am besten, die eigene deutsche Herkunft zu verschweigen. Es sind peinliche Momente, weil die Menschen glauben, sie machten einem mit ihrem Bekenntnis eine Freude. Ich vermute, die meisten Inder und Pakistaner haben keine Ahnung, was dieser Mann angerichtet hat. Sie sehen in ihm den schneidigen Führer, der sich mit Briten und Amerikanern anlegte. In der islamischen Welt, nicht nur in Pakistan, sondern weiter von Iran bis in die Maghreb-Staaten, spielen sicher auch antisemitische Haltungen eine Rolle. Das Gespräch, wenn man sich denn darauf einlässt, landet schnell bei der Ungerechtigkeit, die den Palästinenser widerfahren sei, als man ihnen ihr Land wegnahm. Man kann versuchen, solche Gespräche abzublocken, wie kürzlich ein deutscher Bekannter: Er sagte einem Taxifahrer in Iran, er solle aufhören mit dem Unsinn, schließlich hätte er als Dunkelhäutiger unter Hitler mit Sicherheit nicht lange überlebt. Der Taxifahrer guckte ihn mit großen Augen an: "Aber ich bin doch ein Arier!" Man kann aber auch einfach nur im Boden versinken, wie damals, als uns deutsche Freunde bei unseren pakistanischen Verwandten in London besuchten. Aus heiterem Himmel fing ein Onkel an, bewundernd über Hitler zu sprechen, darüber, welche militärischen Leistungen er angeblich doch vollbracht und wie er Deutschland aus der wirtschaftlichen Misere geführt hätte. Unsere Freunde saßen da, hörten mit versteinerter Miene zu und wussten nicht, wie ihnen geschah. Mir war das Lächeln im Gesicht gefroren. Später, bei passender Gelegenheit, baten meine Eltern um Entschuldigung, unsere Freunde sahen es uns nach. Ich weiß nicht, woher diese Faszination rührt, nicht nur für die Nazis, sondern für alles Deutsche. Dass das heutige Deutschland ein anderes ist als das "Dritte Reich", nehmen die meisten Menschen kaum wahr, sie haben ja nicht einmal die nächste Großstadt auf dem Subkontinent gesehen, woher sollen sie also wissen, wie es heute in der Bundesrepublik aussieht. Der Sprung von Hitler zu Mercedes ist für viele Pakistaner deshalb nicht weit ("Very excellent car, but a little too expensive" . Vor ein paar Tagen fuhr ein weißer Mercedes aus den siebziger Jahren vor mir, im Stadtzentrum von Islamabad. Darin saß eine siebenköpfige Familie. Am Heck prangte ein Aufkleber: ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis, umgeben von Rot. Darunter: "I like Nazi." Es sind nicht ausschließlich Muslime, die einen irritierenden Nazi-Kult pflegen: In Indien wurde vor ein paar Jahren von einem Hindu ein Restaurant mit dem Namen "Hitler's Cross" eröffnet, einschließlich "Führer"-Porträt im Eingang. Ein hinduistischer Geschäftsmann verkaufte Bettwäsche mit Hakenkreuzen, die mit der in Indien verbreiteten Swastika, dem hinduistischen Hakenkreuzsymbol für Glück, wenig zu tun hatten: Die Laken, Kissen- und Deckenbezüge gehörten laut Werbebroschüre zu einer Ausstattung mit dem Namen "The Nazi Collection". Die englische Fassung von "Mein Kampf" gibt es selbst in den Buchläden der entlegensten Orte zu kaufen. Und in indischen Schulbüchern wurde Hitler schon mal als großartiger Staatslenker gefeiert. Einmal besuchten meine Frau und ich das Café in dem wunderschönen Hotel "Imperial" in Neu-Delhi. Es hat einen Garten mit Palmen, hervorragenden Tee und freundliche Kellner in Uniformen, die an die Kolonialzeit erinnern. Ein junger Mann bediente uns. Sein Namensschild rief mein Interesse hervor, ich fragte ihn nach dem Grund seines für indische Verhältnisse doch ungewöhnlichen Namens. "Oh, meine Eltern haben mich nach einer großen historischen Persönlichkeit benannt", erklärte er uns.
In schwarzen Lettern stand auf dem goldenen Schild: Adolf.

Quelle: Spiegel Online

Sonntag, 7. Februar 2010
Kamasutra Kitsch & Küche

Es ist das Land des Kamasutra und das der arrangierten Ehen: Indien. Wie in so vielen Bereichen des Lebens auf dem bunten Erdteil erscheint dieser Widerspruch groß. Auf den ersten Blick. Ersteres findet man nur noch in Überlieferungen und letztere weichen nach und nach modernen Lebensgemeinschaften. Zwei Dinosaurier also? Lassen Sie uns genauer hinsehen:

Das Kamasutra, die ‚Verse des Verlangens’, entstand ungefähr zwischen dem zweiten und dritten Jahrhundert im höfischen Umfeld und gilt als einer der einflussreichsten Texte der Weltkulturgeschichte zum Thema Liebe. Er dient als Anleitung für die erotisch-sexuelle und zugleich ethische Lebenskunst. Das weltweit bekannte Buch enthält neben den Liebesakt-Stellungen und dem Umgang von Eheleuten miteinander auch viele praktische Tipps für andere Lebensbereiche: das Bepflanzen eines Gartens, die Einrichtung der Küche, die Möblierung des Hauses. Es ist der erste Versuch, die Beziehung von Mann und Frau umfassend zu beschreiben. Gezeigt wird, dass Erotik und Sexualität nicht das Gleiche ist: Sexualität ist Natur und Erotik ist Kultur. Sexualität braucht Kultur. Vom Kamasutra kann man lernen, wie man Sexualität in Erotik verwandelt. Zum Beispiel durch Verzicht. Kama ist der Name des indischen Gottes, der für die Kunst der Liebe zuständig ist. Er bedeutet so viel wie Lust oder Freude. Mit Lust ist im Indischen nicht nur die sexuelle gemeint. Kama umfasst alle Lust, die sich sinnlich erfahren lässt. So heißt es: ‚Kama ist die Freude des Körpers, des Geistes und der Seele an erlesenen Empfindungen. Erwecke die Augen, die Nase, die Zungen, die Ohren, die Haut - und zwischen Gefühl und Gefühltem wird das Wesen des Kama erblühen.’

Es fällt mir nach mehr als elf Jahren, unzähliger Reisen auf den trubeligen Subkontinent und aufmerksamer Beobachtung schwer, zu glauben, dass diese Schrift ihre Wurzeln im heutigen Indien hat. War diese Anleitung immer nur Theorie oder ist man ihrer über die Jahrhunderte verlustig gegangen? Und wenn ja, warum?

Die erotische Tradition des Kamasutra und die asketische Tradition standen und stehen nach wie vor im Konflikt. Ab dem 12. Jahrhundert gewann die moralische Kontrolle der Sexualität die Oberhand. Hinzu kam der Einfluss der britischen Kolonialisten und deren viktorianischer Prüderie. In den letzten Jahren ist dank der Globalisierung eine Tendenz zurück zur erotischen Tradition spürbar. Allerdings erfolgen Veränderungen in der Sexualmoral in kleineren Schritten als politische und gesellschaftliche.

Worin besteht der Konflikt?
In Indien ist soziale Zuordnung entscheidend. Das eigene Verhalten wird gesteuert von dem, was in der jeweiligen Kaste vorgeschrieben ist. Abweichungen vom festgelegten Normverhalten werden sanktioniert. Durch alle Schichten hindurch herrscht eine patriarchalische und heterosexuell geprägte Ordnung, die allerdings in urbanen Zentren mehr und mehr aufgeweicht wird. Es gibt aber nach wie vor sehr konservative Moralvorstellungen. In manchen Hindu-Gemeinden sind die sexuellen Tabus noch so groß, dass die Frauen für ihre Genitalien keine Bezeichnung haben. Sexualität ist vor dem Heiraten streng verboten. Das gilt allerdings eher für Frauen. Männer dürfen durchaus voreheliche sexuelle Erfahrungen machen. Die meisten, fast immer vielköpfigen Familien leben unter sehr beengten Bedingungen ohne jegliche Privatsphäre, die für eine gesunde Sexualität notwendig ist.

Der Spagat zwischen filmischem Pathos und nüchterner Realität
Das populäre indische Kino, das Bilder und Symbole aus den traditionellen regionalen Kulturen mit modernen, westlichen Themen kombiniert, ist eine der wichtigsten Kräfte der indischen Gesellschaft. Er ist kollektive Phantasie. Und diese Phantasie ist Hoffnungsträgerin, ist Heilerin des Traumas, ist Beschützerin vor der Realität. Die Hindi-Filme sind – vielleicht mehr als das Kino anderer Länder – Phantasie in diesem speziellen Sinne. Das feste Repertoire an Geschichten, das dem Publikum wahrscheinlich gänzlich vertraut ist, weist auffallende Parallelen zum Volkstheater auf. Aber das Kino geht weit darüber hinaus: ein Film richtet sich an ein so unterschiedliches Publikum, dass er gesellschaftliche und räumliche Grenzen überwinden muss. Die Werte und Sprache des Volkskinos, das tägliche mehrere zig Millionen Besucher anzieht, haben die Grenzen der Großstädte schon längst überschritten, sie sind inzwischen in die Kultur der ländlichen Bevölkerung eingedrungen. Dort beginnen sie nun, die Maßstäbe der Lebensqualität genauso zu beeinflussen, wie die gesellschaftlichen, familiären und die geschlechtlichen Beziehungen. Interessanterweise befriedigt die Phantasie in den Filmen nicht das Bedürfnis der bettelarmen Bevölkerung nach Weltflucht. Kein zurechnungsfähiger Inder – arm oder nicht – glaubt, die Hindi-Filme würden ein realistisches Abbild der Wirklichkeit liefern. Die Diskrepanz zwischen einer eher nüchternen Einstellung zu Liebe und Partnerschaft in der Alltagswelt in Indien und der fiktiven pathetischen Romantik in Hindi-Filmen lässt sich möglicherweise so erklären: In den neueren Filmen werden mittlerweile Sexualität und Tabuthemen wie Ehebruch gezeigt. Bis vor kurzem war nicht einmal ein Kuss erlaubt, der zur Intimsphäre gehört, die man nicht öffentlich teilt. Nicht einmal Ehepaare küssen sich auf der Straße. Allerdings strotzen die obligatorischen Tanzszenen in den Filmen nur so vor purer Sexualität. Nach meinem Empfinden sind sie sogar regelrecht ordinär. Das wiederum ist erlaubt. Es ist aber nicht erotisch, da Erotik Spannung, Geheimnis und Romantik braucht.
Die romantischen Geschichten in den Filmen und die neuen Entwicklungen haben auch keine Auswirkungen auf die Partnerschaftsvorstellungen in Indien. Selbst heute noch bevorzugen ca. 80% der jungen Leute arrangierte Ehen statt Liebesheiraten.
Ein erster Grund dafür ist, dass das Hauptprinzip der Familie nicht die Mann-Frau-Bindung darstellt, sondern dass Eltern und Söhne als Großfamilie - und nicht in Opposition zu ihr als Paar – zusammenleben. Sexuelle Liebe wirkt oft sogar störend, weil sie dem Selbstverständnis des Mannes als Sohn und Bruder abträglich ist. Fast immer erweist sich die Bindung des Mannes an seine Eltern als weitaus größer als diejenige zu seiner Geliebten. Pauschal gesagt: der Mann ist in seinen Bindungen infantil, in der Liebe flatterhaft und im Zorn erbarmungslos. Dadurch beschränkt sich die Liebe für die Frau aufs Beschwichtigen und auf masochistische Ergebenheit. Ebenso geht es um die uralte Spaltung der Ehefrau in eine Mutter und eine Hure – das Objekt der Bewunderung und das der Begierde, was einen scheinbar unlösbaren Konflikt in sich birgt. Ein Punjabi-Spruch bringt es auf den Punkt: „ Eine Frau, die mehr Liebe für dich zeigt, als deine Mutter, ist eine Schlampe“. Bei einer solchen Vorstellung von der Frau ist es unvermeidlich, dass das Schicksal der Sexualität unter einem schlechten Stern steht. Die körperliche Liebe gerät zur schandhaften Angelegenheit, zur spitzen, schnellen Begierde mit wenig Liebe und noch weniger Leidenschaft. Sexualität wird von Frauen eher als eine lästige Angelegenheit empfunden, mit der man schnell fertig werden muss und eher als ein Vorrecht sowie ein Bedürfnis des Mannes. Die Metaphern für den Akt an sich sprechen für sich: „eine wöchentliche Injektion – schmerzhaft, aber gut für die Gesundheit“, „Arbeit“, „Geschäft“. Sogar Gandhi begreift die weibliche Sexualität als „passive, leidvolle Hinnahme einer männlichen Attacke“. Er plädiert für die vollkommene Entsexualisierung der männlich-weiblichen Beziehung zur Lösung des Grundproblems zwischen den Geschlechtern. Zudem kommt, dass für die Hindus die Abwärtsbewegung der sexuellen Energie und ihr Ausstoß als Samen eine Schwächung des Mannes darstellt, eine Verschwendung von Vitalität und essentieller Energie, die durchaus in einer Aufwärtsbewegung hin zum Geist hätte sublimiert und zur Quelle spirituellen Lebens werden können.
Ein weiterer Grund für die Befürwortung arrangierter Ehen ist, dass sich jeder sicher sein kann, durch arrangierte Ehen einen Partner zu finden. Egal, wie man aussieht. Das nimmt viel Druck.
Und drittens werden Mädchen und Jungen bereits in frühester Kindheit auf die arrangierte Ehe vorbereitet. Von Anfang an gibt es eine strikte Geschlechtertrennung. Bis zur Heirat wird der sexuelle Druck so stark, dass die Wahrscheinlichkeit, sich in den zugeteilten Partner zu verlieben, sehr hoch ist, da es keine Vergleiche gibt. Man weiß so gut wie nichts über das andere Geschlecht. Und Unwissenheit gedeiht unter dem gesellschaftlich verordneten Mantel des Schweigens bestens. Das macht eine Liebesheirat sehr schwierig, weil da die Erwartungen aneinander - durch bislang unerfahrene Gefühle geprägt - sehr viel höher sind. Außerdem ist man aufgrund einer solchen Entscheidung gänzlich der eigenen Verantwortung überlassen. Bei einer arrangierten Ehe sind die Eltern durch die Auswahl gleichermaßen verantwortlich für den Erfolg der Verbindung. Das gibt den Protagonisten Sicherheit. Außerdem spielen astrologische Übereinstimmungen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Auswahl der Kandidaten – ein Ausdruck der offenkundigen Schicksalsergebenheit und eine weitere Möglichkeit, Verantwortung für die eigenen Geschicke abzugeben. Eine nur 2%ige Scheidungsrate scheint den Befürwortern Recht zu geben. Arrangierte Ehen folgen eher traditionellen Kasten-Gepflogenheiten - Liebesheiraten hingegen können Kasten- oder sogar Religionsgrenzen überschreiten, was den Alltag für diese mutigen Paare noch schwieriger macht.

Die Geschlechterbeziehungen in Indien werden also eher von Feindseligkeit und Unsicherheit als von Zärtlichkeit und Liebe angetrieben. Die Phantasien, die jedes Geschlecht gegenüber dem anderen hegt, werden ebenso stark von Angst und Hass durchdrungen wie von Sehnsucht und Verlangen.

Und das Kamasutra?
Das Kamasutra gehört einer vergangenen Kultur an, aber es existiert noch immer im kulturellen Gedächtnis. Es zeigt, dass der freie Umgang mit Sexualität kein westliches Produkt, sondern die sexuelle Freiheit in der eigenen Kultur vorhanden ist und wiederbelebt werden kann.

Elke Allenstein

Sonntag, 15. November 2009
Warum Aussteiger unbegabt fürs Glück sind

Einmal ganz neu anfangen: Viele sehnen sich nach einem neuen Leben. Aussteiger gelten als mutigere, mündigere, aufgeklärtere Menschen. Doch sind sie das wirklich?

Der Aussteiger ist selbstbezogen.
Er kreist um sich, er nimmt sich wichtig, zu wichtig. Ihm geht es allein um sein Heil. Er feiert die maximale Freiheit als maximales Glück und verkennt, dass Ungebundenheit auch Bindungslosigkeit heißt - und Einsamkeit. Wer geht, wohin er will, wann er will, wie er will, übernimmt keine Verantwortung, weder für die Familie noch für die Gesellschaft. Er entsolidarisiert sich und gefällt sich in Systemkritik, dabei macht er es sich leicht, denn er verändert nicht die Welt, in der er lebt. Er flieht vor ihr. Er ist feige.

Der Aussteiger ist materialistisch.
Er will besitz- und ballastfrei leben. Kein Haus! Keine Frau! Kein Auto! Doch in seiner Askese ist der Aussteiger so materialistisch wie der Besitzanhäufer. Beide definieren Lebensglück über die Größe des Besitzstandes. Der eine will Glück durch Hamstern, der andere durch Verzicht. Kein Geld macht aber auch nicht glücklich. Selbstbefreiung ist ein innerer Prozess. Innere Freiheit kann man auch in den eigenen vier kreditfinanzierten Wänden erlangen. Äußere Freiheit wiederum ohne wegzurennen. Es gibt in unserem System kein fremdbestimmtes Subjekt, keine Fesseln der Konsumgesellschaft - niemand zwingt uns mitzumachen. Jeder kann den Fernseher ausschalten, das Fitnessstudio kündigen. Um uns zu ändern, müssen wir nicht um die Welt segeln, uns in Klöstern kasteien oder den Lendenschurz umbinden - es ist nur pathetischer. Und frustrierender. Die meisten Südseegesellschaften gestatten weniger Selbstbestimmung als unsere "moderne Sklaverei", die nur eine Enge kennt: die eigenen Zwangsvorstellungen.

Der Aussteiger ist mitteilungsbedürftig.
Er muss über sich reden, wieder und wieder, da seine neue Identität durch Kommunikation begründet wird. Da sein Profil erst in Abgrenzung sichtbar wird, neigt er zu Arroganz gegenüber jenen, denen er ein tristes, angepasstes Leben unterstellt. Nicht nur, dass er für sich selbst eine höhere Erkenntnisstufe postuliert, er pathologisiert sein kritisches Gegenüber, indem er abweichende Standpunkte nicht als solche respektiert, sondern Daheimgebliebenen entweder Begrenztheit im Denken unterstellt oder sie als neidzerfressen diffamiert.

Der Aussteiger ist konservativ.
Er hat das Optimum schon erreicht. Vorne ist, wo er ist. Das sagt sein Weltbild. Er muss bewahren wollen, denn Veränderung kann nur noch Abstieg sein.

Der Aussteiger ist unsouverän.

Der Aussteiger ist gewöhnlich.
Er, der sich als Individualist versteht, ist in Wahrheit nur Tier einer Herde von selbst ernannten Individualisten und pflegt mit Hingabe Gruppensprache und Gruppenhabitus. Nicht umsonst gibt es Aussteigerinseln und Aussteigerbuchten, okkupiert von Einzelgängern im Kollektiv, nicht umsonst findet der Aussteiger im Internet sein Forum. Der vermeintliche Individualist sucht Gleichgesinnte und bewegt sich in einem Kosmos, wo er Bestätigung findet statt Widerspruch - nicht anders als die Menschen "im System". Unter Mittvierzigern in der Lebenskrise fühlt er sich wohl, denn die sind wie er: angstvoll, etwas verpasst zu haben, unsouverän.

Der Aussteiger ist inkonsequent.
Er nutzt das "böse System", informiert sich im Netz über sein neues Leben, impft sich gegen Hepatitis und Gelbfieber, holt sich Reisekrankenversicherungen, kauft sich Goretex und Wasserentkeimer und besorgt sich Startkapital für den Flug nach Übersee. Und wenn er pleite ist, jobbt er als Animateur im Ferienclub, hält Diavorträge oder schreibt seine Memoiren über den geglückten Ausstieg. Hat er denn je stattgefunden? Wiedereinsteigen muss der Aussteiger in jedem Fall. Ob es die Natur ist, die Gesetze diktiert, der Sturm, die Hitze, das Meer oder die neue Dorfgemeinschaft, anpassen muss sich der Mensch ohnehin. Am Ende hat der Aussteiger die einen Probleme gegen die anderen getauscht, nur sich einzufügen hat er immer noch nicht gelernt.

Der Aussteiger ist ideologisch.
Er hat Brücken abgebrochen, unter Opfern. Er kann nicht zurück, darf nicht scheitern. Die Irreversibilität dieses Schrittes zwingt zur Rechtfertigung, der Legitimationsdruck führt zu Verhärtung. Immer, wenn Identität nicht gewachsen ist, sondern neu konstruiert wird, neigt sie zu Radikalität, um sich zu behaupten. Mit der Vehemenz des Konvertiten will der Aussteiger sich und anderen beweisen, dass er richtig liegt. Richtig und falsch, gut und böse werden zu zentralen Kategorien, Grautöne finden keinen Platz. Beseelt von dem Glauben, dass sich aus einer Gemeinschaft von Gutmenschen ein Hort des Guten entwickelt, ignoriert der Aussteiger anthropologische Konstanten. Man kann das liebenswert finden - oder dumm.

Wohin will der Aussteiger zurück? Zum Einzeller?

Der Aussteiger ist nostalgisch.
Er will aus der Moderne aussteigen, der technisierten Welt. Weg mit Handy, GPS - weg mit allem, was uns von uns selbst entfremdet hat. Zurück zur Natur, dem selbst gebackenen Brot, dem einfachen, unverfälschten Leben, wie es früher einmal war. Nur: Wann soll das gewesen sein? Auch Rauchzeichen waren einmal neumodisch; auch Kondome, Frauenwahlrecht und Mondlandung galten schon als Zeichen einer degenerierten Gesellschaft. Bisher hatte noch jede Zeit ihre Moderne. Und ihre Aussteiger. Jede Zeit ihre reaktionären Geister, die gegen den Wandel wetterten. Die nicht akzeptieren wollten, dass der Mensch, das mutierende Wesen, immer in vollständiger Übereinstimmung mit sich selbst lebt. Und falls doch nicht: Wann war er denn authentisch, echt? Wohin will der Aussteiger zurück? Was will er sein? Steinzeitmensch? Einzeller im Meer?

Der Aussteiger ist unzufrieden.
Wohin er auch reist, die Sehnsucht reist mit. Kaum da, drängt es ihn weiter - oder gar zurück. Er ist ein Mensch, unbegabt für Glück.

Quelle: mare - Die Zeitschrift der Meere Heft No. 65 Titelthema: Aussteiger - Dez 07/Jan 2008 von Sandra Schulz und Dimitri Ladischensky

Dienstag, 12. Mai 2009
Kalauer Singh

Inder hat sich seit 35 Jahren nicht mehr gewaschen!

Baden und Zähneputzen muss gar nicht sein: Die totale Weigerung, sich zu waschen, hat einen Inder zwar die Sympathie seiner Kunden gekostet, nicht aber die gute Laune. Bakterien töte er auf seine Weise ab, erklärte der 63-Jährige. Sieben Töchter hat der Inder Kailash "Kalau" Singh, und das scheint ihm nicht zu gefallen. Nachbarn des 63-Jährigen aus dem Dorf Chatav nahe der heiligen Stast Varanasi berichteten der "Hindustan Times", der Mann habe sich vor vielen Jahren an einen Seher gewandt. Der habe ihm geraten, auf das Waschen zu verzichten, wenn er endlich einen Sohn haben wolle. Der Mann tat wie ihm geheißen und ersetzte fortan das Baden und Zähneputzen durch ein "Feuerbad", berichtete die "Hindustan Times". Dabei stehe er allabendlich auf einem Bein neben einem Lagerfeuer, rauche Marihuana und bete zum Gott Shiva. "Ein Feuerbad hilft dabei, die Bakterien abzutöten und Infektionen zu verhindern", zitierte das Blatt Kalau. Nach dem Tod seines Bruders vor fünf Jahren ging Singh noch weiter und verzichtete nun auch auf das rituelle Bad im Fluss Ganges. Seine Arbeit in einem Gemüseladen musste er aufgeben, weil seinetwegen die Käufer fernblieben. Offiziell meidet Singh das Waschen aus Protest gegen die "nationalen Probleme". Erst wenn diese gelöst seien, wolle er sich wieder baden, sagte er dem Blatt.

Quelle: Spiegel Online

Dienstag, 10. März 2009
Toiletten-Toleranz

"Transsexuelle sollen eigene öffentliche Toiletten bekommen:

Stilles Örtchen für ein 'drittes Geschlecht'? Im südindischen Chennai sollen Transsexuelle demnächst ihren eigenen Abort besuchen. Die Stadtoberen wollen der Minderheit zu mehr Anerkennung verhelfen - viele Betroffene befürchten, noch stärker diskriminiert zu werden. Zunächst seien drei solche Einrichtungen geplant, berichtete die Zeitung 'Indian Express'. Sie sollten zur Anerkennung der Minderheit beitragen.

Bei den Transsexuellen stieß der Plan trotz hehren Anspruchs gleichwohl auf gemischte Reaktionen: 'Ich bin damit nicht einverstanden', sagte Aasha Bharati, Vorsitzende eines Transsexuellenverbandes im südlichsten Bundesstaat Indiens, Tamil Nadu. 'Wir wollen doch Teil des Mainstreams sein. Wir wollen nicht besonders behandelt werden.' Im Gegenteil: Separate Toiletten würden die Diskriminierung noch fördern. 'Wir wollen als Frauen wahrgenommen werden. In unseren Herzen sind wir Frauen.'

Indiens erste transsexuelle TV-Moderatorin Rose Venkatesan zeigte sich offener für das Pilotprojekt: Sie nannte es 'eine gute Idee', vor allem für jene Männer, die noch keine vollständige Geschlechtsumwandlung durchlaufen hätten. 'Aber langfristig wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der es keine Unterschiede gibt und alle Menschen dieselben Toiletten benutzen.'

Es gibt allein im Staat Tamil-Nadu etwa 30.000 Transsexuelle. Landesweit sollen es mehr als eine halbe Million sein. Die Gruppe gehört zu den am meisten ausgegrenzten und diskriminierten in der hierarchischen indischen Gesellschaft."

Quelle: Spiegel online

Donnerstag, 12. Februar 2009
Prosit mit Kuhpipi

"Was von der Kuh kommt, kann nicht schlecht sein. Das jedenfalls glaubt eine Hindu-nationalistische Gruppe in Indien - und will ein Getränk aus Rinder-Urin auf den Markt bringen. Derzeit befinde sich das Pipi-Produkt noch in der Entwicklung, soll aber schon jetzt nicht übel riechen.
'Es wird ein sehr gesundes Getränk, ohne Kohlensäure und ohne giftige Stoffe', sagte Om Prakash von der Partei Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) der Zeitung Indian Express. Er nenne den Grundstoff für den Softdrink sowieso nicht 'Kuh-Urin', sondern 'Kuh-Wasser'. Das Produkt durchlaufe derzeit diverse Labortests im nordindischen Lucknow. Es werde 'sehr bald, vielleicht noch Ende dieses Jahres' zur Markteinführung kommen.
Das Getränk werde hauptsächlich aus Urin bestehen, vermischt mit einigen Kräutern, erläuterte Prakash. Es würde ein günstiges Produkt werden, das sich alle leisten könnten. Zum Preis wollte er aber keine Angaben machen. Auf jeden Fall würde es mit Coca-Cola und Pepsi konkurrieren können, betonte er - trotz der gigantischen Werbebudgets der US-Getränkekonzerne. 'Wir werden ihnen ordentlich Druck machen, da unser Getränk gut für die Menschen ist', sagte er. 'Wir denken auch darüber nach, es zu exportieren.'
Die Organisation, 1925 von Hindu-Nationalisten gegründet, verfolgt das Ziel, Indien frei von ausländischen Einflüssen zu halten und einen politischen Hinduismus zu etablieren. Die RSS hat ihren Sitz in Haridwar, einer Stadt am Fluss Ganges, den die Hindus als heilig bezeichnen. Nach Angaben der Partei zählt sie inzwischen acht Millionen Mitglieder.
Es ist nicht der erste Versuch dieser Gruppe, den Rinder-Urin zu vermarkten. Sie preist ihn bereits seit 2001 als medizinisches Allheilmittel an. So helfe eine Rinder-Urin-Therapie nicht nur bei Hautkrankheiten, Sexual- und Kreislaufstörungen, sondern wirke auch gegen Aids, Krebs, Leber- und Nierenkrankheiten - praktisch gegen alles, was man sich denken kann. Damals verkauften Hindu-nationalistische Gruppen den Urin unter anderem unter dem Namen 'Gift of the Cow' Für 20 Rupien, umgerechnet 30 Cent, gab es eine Flasche von der gelben Flüssigkeit. Zudem kamen Tabletten und Cremes mit Urin auf den Markt, die Nachfrage nach den Produkten war größer als das Angebot.
Negative Schlagzeilen hat die Partei allerdings wegen gewalttätiger Übergriffe gemacht, jüngst gegen Christen im zentralindischen Bundesstaat Orissa. Dabei starben im vergangenen Jahr mindestens 67 Menschen. Die Partei organisiert aber auch regelmäßig Boykotte gegen ausländische Produkte wie zum Beispiel Coca-Cola und Pepsi. Für den US-Konzern Coca-Cola wächst Indien zu einem der größten Märkte heran. Das Unternehmen wurde aber in der Vergangenheit mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Getränke Pestizide enthielten - bislang wurde das aber nie nachgewiesen. Beobachter vermuten, dass die RSS hinter der Verbreitung solcher Gerüchte stecke.

Quelle: Spiegel online

Samstag, 7. Februar 2009
Der Lack ist ab!

Es fällt mir nicht leicht diesmal, einen Bunten Splitter zu schreiben. Ich fürchte, er fällt heuer eher spitz als bunt aus. Denn ich muss gestehen, dass ich - obwohl ungewöhnlich aufgeräumt und entspannt - äußerst desillusioniert und ziemlich ärgerlich aus Udaipur zurückgekehrt bin. Warum? Was war anders als sonst? War ich all die Jahre vorher blind? Ich bin mir noch nicht sicher, ob es an meiner Wahrnehmung liegt oder an den tatsächlichen Veränderungen vor Ort, in der Gesellschaft, in den Köpfen der Menschen. Ich vermute eine Mischung aus beidem. Angedeutet hatte es sich bereits. Ich habe es lediglich verdrängt. Was also hat mich aufgebracht? Ein paar Beispiele:
Die Anschläge im Dezember auf die Metropole Mumbai waren schrecklich. Allerdings auch nicht die ersten im vergangenen Jahr, sondern bereits die achten (!). In den Medien tauchten sie deshalb auf, weil diesmal reiche Ausländer im Visier standen. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema, das mich erregt.
Die Bombenattentate haben tiefe Verunsicherung vor allem bei potenziellen Touristen hinterlassen, die in der diesjährigen Hochsaison (Weihnachten/Neujahr) darum ausblieben. Alle Geschäftsleute, die direkt oder indirekt an der Branche verdienen, kamen aus dem Jammern nicht mehr heraus. Die "Blastings" - wie es an jeder Ecke zu hören war - dienten aber irgendwann als Entschuldigung für alles und jeden. Wieder einmal war man in Indien in der Lage, Verantwortung abzugeben. Sonst halten dafür Religion, der böse Blick oder schlechtes Karma her. Nie eigenes Verschulden oder Missmanagement.
Und anstatt mit speziellen Angeboten und besonders gutem Service neue Gäste zu locken, wurden die wenigen, die da waren, ausgepresst wie Zitronen und regelrecht ausgespuckt. Es war egal, ob sich die Touristen schlecht behandelt, verfolgt und über den Tisch gezogen oder einfach unwohl im Land der Maharajas fühlten. Keiner schert sich drum, wie das Image Indiens als Reisemagnet leidet, wenn sich das rumspricht. Hauptsache, man hat hier und jetzt ein paar dreckige Rupien verdient. Das zeigt die Kurzsichtigkeit, die außerordentlich weit verbreitet und in nahezu jedem Bereich zu bemerkbar ist. Möglicherweise ist das bei einem ersten Besuch in Urlaubsstimmung eher kindlich-amüsant. Auf Dauer nervt es. Hinzu kommt, dass man bei genauerer Betrachtung erkennen muss, dass Betrug, Missgunst und Arglist auch vor der eigenen Familie nicht Halt macht. Ich habe schier Unglaubliches gehört, wie skrupellos man selbst innerhalb der Blutsbande agiert. Und ich werde ob meiner nicht vorhandenen Großfamilie mitleidig belächelt. Na servus!
Hinzu kommt, dass durch Korruption kluge Gesetze aufgeweicht werden, so dass jeder findige Geschäftsmann mit genügend krimineller Energie seine Ideen durch- und umsetzen kann. Egal, wie schädlich diese für das Gesamtgefüge beispielsweise der Stadt sind. Es wurde verfügt, dass im Umkreis von 200 m rund um den seinerzeit künstlich angelegten Lake Pichola Häuser nicht über eine bestimmte Höhe hinaus gebaut werden dürfen. Gründe dafür sind zum einen der schlammige Boden in der Nähe des Sees, wenn er denn voll ist. Und das ist er seit vielen Monaten nicht und in einem grauenhaften Zustand: voller Müll, Unkraut, Waschrückständen und nahezu ausgetrocknet. Der nächste Monsun, der Abhilfe schaffen könnte, ist erst im Ausgust zu erwarten und kein Garant. Der zweite Grund für niedrigere Häuser ist die Sichtbarkeit der Arwalliberge und des legendären Monsunpalastes, der noch vor zehn Jahren von JEDEM Rooftop zu sehen war. Keiner hält sich daran. Jeder will seinen Nachbarn übertreffen (in jeder Hinsicht!). Bakschisch makes the world go round. Vor allem in Wahljahren, wie gerade eines zu Ende gegangen ist. Anstatt sich als frisch gewählter Partei dieser Probleme anzunehmen, schließt man lieber die Beer-Shops um acht Uhr abends anstatt um zehn. Angeblich, um dem Alkoholmissbrauch entgegen zu treten. Ein Schildbürgerstreich: die Schlangen vor den Läden um kurz vor Ladenschluss kann man sich vorstellen. Abgesehen davon wurde im Vorfeld von Vertretern ebendieser Partei an Haustüren geklopft und Stimmen mittels verschenkten Whiskeys oder Rum gekauft. Bigotterie wo man hinschaut.
Für den Neubau dieser hohen Ungetümer rund um den derzeit stinkenden See werden zudem architektonische Kleinode - wunderschöne Havelis (Bürgerhäuser) - niedergerissen, die man ebenso rekonstruieren und somit einen Teil des Charmes der Altstadt erhalten könnte. Aber solche Sünden wurden überall in der Welt begangen und hernach bitter bereut. Schwamm drüber.
Was mich wirklich wütend macht, sind Ignoranz und Attitüde, mit denen all dem begegnet wird. Ich fürchte, das ganze Geheimnis um die Gelassenheit der Inder (Yoga, Meditation, Spiritualität???) gelüftet zu haben: es sind Lethargie und Schicksalsergebenheit. Uff! Und wenn man kritische Töne anschlägt, was sich kaum ein höflicher Tourist traut, dann bekomme ich zu hören: "Pass bloß auf, was du sagst, ich bin nämlich stolz, ein Inder zu sein!". Geprägt von deutscher Geschichte und Gegenwart war das Zündstoff für mich. Ich erwiderte - für meine Verhältnisse sachlich, für indische eher leidenschaftlich - dass man m.E. nur auf etwas stolz sein könne, was man auch selbst zu verantworten hätte (schulische oder berufliche Leistung, gelungene Kindererziehung, sportliche Erfolge etc.) und nicht auf eine Laune der Natur, einen Zufall quasi. Aber dass man Verantwortung hier ja so gern übernimmt wie Schulden vom Ex, wüsste ich ja mittlerweile. Ich vermute, mein Gesprächspartner ist mir nur deshalb nicht an die Gurgel gegangen, weil er weiß, dass ich seit zehn Jahren nach Indien reise und mir daher einen Meinungs-Duldungs-Status erarbeitet habe. Denn: eine Frau zu ohrfeigen, wäre lediglich ein Kavaliersdelikt.
Die vermeintliche Freundlichkeit und das scheinheilige Lächeln verschwand von den Gesichtern der Leute, die was zu verkaufen haben, seit sie wissen, dass sie von mir nichts zu erwarten haben. Dass ich um die (teils minderwertige) Qualität der angebotenen Ware und die (meist astronomisch) überhöhten Preise weiß. Dass ich alle Geschichten und Tricks der durchaus virtuosen Verkäufer kenne. Bis ich in Begleitung von fünf meiner Freunde aus Berlin gesichtet wurde. Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Plötzlich waren all jene "ein langjähriger Freund von Elki", "schon ewig kaufe ich bei ihnen ein" und "bringe immer andere Touristen mit, weil ich so zufrieden mit Preis-Leistung bin". Als meine Freunde am Neujahrstag in Richtung Jodhpur fuhren, verschwand mit Ihnen das Lächeln der Shopkeeper. Und ich hatte wieder meine Ruhe. Auch gut.
Die Gespräche auf den Straßen, beim Tee und in den Rikshaws waren einseitig, fiel mir auf. Erst jetzt. Es ging um ehrliches Interesse an den Menschen von meiner Seite und um potenzielle Geschäftemacherei auf der anderen. Natürlich nicht immer und pauschal. Sonst wäre die Frage an dieser Stelle durchaus erlaubt, wie naiv ich eigentlich bin. Und nach so vielen Jahren kann ich auf eine Handvoll wirklicher Freunde blicken. Aber es ist traurig und mühselig, wenn man immer argwöhnisch, vorsichtig und misstrauisch sein muss. Immer auf der Hut. Selbstschutz first. Das ist anstrengend. Nicht nur, aber vor allem im Urlaub. Und nicht wenige Gäste, die wir im MOUNTAIN RIDGE beherbergten in dieser Zeit, haben uns weitere Beispiele genannt, waren enttäuscht, wütend ...

Was soll ich sagen? Ich liebe dieses Land. Trotzdem. Und ich hoffe, dass man sich besinnt. Die einstige Unschuld wird es nicht mehr geben. Aber mit Raffgier, Hinterlist und Beschiss wird man Reisende nicht erfreuen, die in dieses Land kommen. Habe ich das Recht, die Menschen dort zu kritisieren? Und wenn ja, würde es helfen? Soll ich lieber still zuschauen, wie es weitergeht und aus Fehlern lernen lassen wie wir es alle tun? Und wenn es schlimmer wird? "Flieg doch einfach nicht mehr hin!" kann ich förmlich hören. Aber ist das wirklich die Alternative? Abgesehen davon würde ich meine Wahlverwandtschaft: die Kinder und PeeMachine sowie liebgewonnene Freunde schmerzlich vermissen. Das ist es nicht wert. Und so hoffe ich auf das nächste Mal.

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