Bunte Splitter
Dienstag, 22. Juni 2010
Eiskunstlauf nach Bollywood-Art

Meryl Davis and Charlie White (USA)
Bitte auf die Überschrift klicken, um das Video zu starten.
Freitag, 12. März 2010
"Wie Adolf nach Indien kam"

Von Hasnain Kazim
"Als Deutscher erntet man in Indien und Pakistan viel Anerkennung. Leider auch für Dinge, mit denen man absolut nichts zu tun haben möchte. Vor allem Hitler-Bewunderer gehen einem schwer auf die Nerven. Und manchmal möchte man vor Scham am liebsten im Boden versinken. Pakistan ist das Gegenteil von Deutschland: Im Norden ragen die Berge in den Himmel, das Meer brandet im Süden an die Küste, die Problemzonen mit Arbeitsmangel und Radikalen finden sich im Westen, die blühenden Landschaften im Osten. An diese verkehrte Welt gewöhnt man sich recht schnell. Doch mit einem Gegensatz findet man sich nicht ab: Die meisten Menschen hier mögen Hitler. Kürzlich war ich beim Friseur, einem alten Mann, der noch ohne Haarschneidemaschine und anderem elektronischen Schnickschnack arbeitet. Eine klapprige Schere, ein Kamm, eine Sprühflasche mit Wasser, das ist sein Werkzeug. Das Ergebnis war akkurat, aber ich war trotzdem nicht glücklich. Ich sagte: "Ich sehe aus wie Hitler." Er betrachtete mich im Spiegel, lächelte zufrieden und sagte: "Yes, yes, very nice." Ich verzichtete auf eine Diskussion, fuhr nach Hause und bemühte mich, den Scheitel zu beseitigen. Gut, dass es nicht wieder zu dem üblichen Hitler-Gespräch gekommen war. Pakistaner suchen dieses Thema, wenn sie erfahren, dass man aus Deutschland kommt. "Wir sind auch Arier", sagen sie dann, weil sie irgendwo aufgeschnappt haben, dass es ein indogermanisches Urvolk gab, die Aryas. Und: Hitler, ach, was war das für ein genialer Feldherr! Manchmal ist es am besten, die eigene deutsche Herkunft zu verschweigen. Es sind peinliche Momente, weil die Menschen glauben, sie machten einem mit ihrem Bekenntnis eine Freude. Ich vermute, die meisten Inder und Pakistaner haben keine Ahnung, was dieser Mann angerichtet hat. Sie sehen in ihm den schneidigen Führer, der sich mit Briten und Amerikanern anlegte. In der islamischen Welt, nicht nur in Pakistan, sondern weiter von Iran bis in die Maghreb-Staaten, spielen sicher auch antisemitische Haltungen eine Rolle. Das Gespräch, wenn man sich denn darauf einlässt, landet schnell bei der Ungerechtigkeit, die den Palästinenser widerfahren sei, als man ihnen ihr Land wegnahm. Man kann versuchen, solche Gespräche abzublocken, wie kürzlich ein deutscher Bekannter: Er sagte einem Taxifahrer in Iran, er solle aufhören mit dem Unsinn, schließlich hätte er als Dunkelhäutiger unter Hitler mit Sicherheit nicht lange überlebt. Der Taxifahrer guckte ihn mit großen Augen an: "Aber ich bin doch ein Arier!" Man kann aber auch einfach nur im Boden versinken, wie damals, als uns deutsche Freunde bei unseren pakistanischen Verwandten in London besuchten. Aus heiterem Himmel fing ein Onkel an, bewundernd über Hitler zu sprechen, darüber, welche militärischen Leistungen er angeblich doch vollbracht und wie er Deutschland aus der wirtschaftlichen Misere geführt hätte. Unsere Freunde saßen da, hörten mit versteinerter Miene zu und wussten nicht, wie ihnen geschah. Mir war das Lächeln im Gesicht gefroren. Später, bei passender Gelegenheit, baten meine Eltern um Entschuldigung, unsere Freunde sahen es uns nach. Ich weiß nicht, woher diese Faszination rührt, nicht nur für die Nazis, sondern für alles Deutsche. Dass das heutige Deutschland ein anderes ist als das "Dritte Reich", nehmen die meisten Menschen kaum wahr, sie haben ja nicht einmal die nächste Großstadt auf dem Subkontinent gesehen, woher sollen sie also wissen, wie es heute in der Bundesrepublik aussieht. Der Sprung von Hitler zu Mercedes ist für viele Pakistaner deshalb nicht weit ("Very excellent car, but a little too expensive"
. Vor ein paar Tagen fuhr ein weißer Mercedes aus den siebziger Jahren vor mir, im Stadtzentrum von Islamabad. Darin saß eine siebenköpfige Familie. Am Heck prangte ein Aufkleber: ein schwarzes Hakenkreuz in einem weißen Kreis, umgeben von Rot. Darunter: "I like Nazi." Es sind nicht ausschließlich Muslime, die einen irritierenden Nazi-Kult pflegen: In Indien wurde vor ein paar Jahren von einem Hindu ein Restaurant mit dem Namen "Hitler's Cross" eröffnet, einschließlich "Führer"-Porträt im Eingang. Ein hinduistischer Geschäftsmann verkaufte Bettwäsche mit Hakenkreuzen, die mit der in Indien verbreiteten Swastika, dem hinduistischen Hakenkreuzsymbol für Glück, wenig zu tun hatten: Die Laken, Kissen- und Deckenbezüge gehörten laut Werbebroschüre zu einer Ausstattung mit dem Namen "The Nazi Collection". Die englische Fassung von "Mein Kampf" gibt es selbst in den Buchläden der entlegensten Orte zu kaufen. Und in indischen Schulbüchern wurde Hitler schon mal als großartiger Staatslenker gefeiert. Einmal besuchten meine Frau und ich das Café in dem wunderschönen Hotel "Imperial" in Neu-Delhi. Es hat einen Garten mit Palmen, hervorragenden Tee und freundliche Kellner in Uniformen, die an die Kolonialzeit erinnern. Ein junger Mann bediente uns. Sein Namensschild rief mein Interesse hervor, ich fragte ihn nach dem Grund seines für indische Verhältnisse doch ungewöhnlichen Namens. "Oh, meine Eltern haben mich nach einer großen historischen Persönlichkeit benannt", erklärte er uns.
In schwarzen Lettern stand auf dem goldenen Schild: Adolf.
Quelle: Spiegel Online
Sonntag, 7. Februar 2010
Kamasutra Kitsch & Küche

Es ist das Land des Kamasutra und das der arrangierten Ehen: Indien. Wie in so vielen Bereichen des Lebens auf dem bunten Erdteil erscheint dieser Widerspruch groß. Auf den ersten Blick. Ersteres findet man nur noch in Überlieferungen und letztere weichen nach und nach modernen Lebensgemeinschaften. Zwei Dinosaurier also? Lassen Sie uns genauer hinsehen:
Das Kamasutra, die ‚Verse des Verlangens’, entstand ungefähr zwischen dem zweiten und dritten Jahrhundert im höfischen Umfeld und gilt als einer der einflussreichsten Texte der Weltkulturgeschichte zum Thema Liebe. Er dient als Anleitung für die erotisch-sexuelle und zugleich ethische Lebenskunst. Das weltweit bekannte Buch enthält neben den Liebesakt-Stellungen und dem Umgang von Eheleuten miteinander auch viele praktische Tipps für andere Lebensbereiche: das Bepflanzen eines Gartens, die Einrichtung der Küche, die Möblierung des Hauses. Es ist der erste Versuch, die Beziehung von Mann und Frau umfassend zu beschreiben. Gezeigt wird, dass Erotik und Sexualität nicht das Gleiche ist: Sexualität ist Natur und Erotik ist Kultur. Sexualität braucht Kultur. Vom Kamasutra kann man lernen, wie man Sexualität in Erotik verwandelt. Zum Beispiel durch Verzicht. Kama ist der Name des indischen Gottes, der für die Kunst der Liebe zuständig ist. Er bedeutet so viel wie Lust oder Freude. Mit Lust ist im Indischen nicht nur die sexuelle gemeint. Kama umfasst alle Lust, die sich sinnlich erfahren lässt. So heißt es: ‚Kama ist die Freude des Körpers, des Geistes und der Seele an erlesenen Empfindungen. Erwecke die Augen, die Nase, die Zungen, die Ohren, die Haut - und zwischen Gefühl und Gefühltem wird das Wesen des Kama erblühen.’
Es fällt mir nach mehr als elf Jahren, unzähliger Reisen auf den trubeligen Subkontinent und aufmerksamer Beobachtung schwer, zu glauben, dass diese Schrift ihre Wurzeln im heutigen Indien hat. War diese Anleitung immer nur Theorie oder ist man ihrer über die Jahrhunderte verlustig gegangen? Und wenn ja, warum?
Die erotische Tradition des Kamasutra und die asketische Tradition standen und stehen nach wie vor im Konflikt. Ab dem 12. Jahrhundert gewann die moralische Kontrolle der Sexualität die Oberhand. Hinzu kam der Einfluss der britischen Kolonialisten und deren viktorianischer Prüderie. In den letzten Jahren ist dank der Globalisierung eine Tendenz zurück zur erotischen Tradition spürbar. Allerdings erfolgen Veränderungen in der Sexualmoral in kleineren Schritten als politische und gesellschaftliche.
Worin besteht der Konflikt?
In Indien ist soziale Zuordnung entscheidend. Das eigene Verhalten wird gesteuert von dem, was in der jeweiligen Kaste vorgeschrieben ist. Abweichungen vom festgelegten Normverhalten werden sanktioniert. Durch alle Schichten hindurch herrscht eine patriarchalische und heterosexuell geprägte Ordnung, die allerdings in urbanen Zentren mehr und mehr aufgeweicht wird. Es gibt aber nach wie vor sehr konservative Moralvorstellungen. In manchen Hindu-Gemeinden sind die sexuellen Tabus noch so groß, dass die Frauen für ihre Genitalien keine Bezeichnung haben. Sexualität ist vor dem Heiraten streng verboten. Das gilt allerdings eher für Frauen. Männer dürfen durchaus voreheliche sexuelle Erfahrungen machen. Die meisten, fast immer vielköpfigen Familien leben unter sehr beengten Bedingungen ohne jegliche Privatsphäre, die für eine gesunde Sexualität notwendig ist.
Der Spagat zwischen filmischem Pathos und nüchterner Realität
Das populäre indische Kino, das Bilder und Symbole aus den traditionellen regionalen Kulturen mit modernen, westlichen Themen kombiniert, ist eine der wichtigsten Kräfte der indischen Gesellschaft. Er ist kollektive Phantasie. Und diese Phantasie ist Hoffnungsträgerin, ist Heilerin des Traumas, ist Beschützerin vor der Realität. Die Hindi-Filme sind – vielleicht mehr als das Kino anderer Länder – Phantasie in diesem speziellen Sinne. Das feste Repertoire an Geschichten, das dem Publikum wahrscheinlich gänzlich vertraut ist, weist auffallende Parallelen zum Volkstheater auf. Aber das Kino geht weit darüber hinaus: ein Film richtet sich an ein so unterschiedliches Publikum, dass er gesellschaftliche und räumliche Grenzen überwinden muss. Die Werte und Sprache des Volkskinos, das tägliche mehrere zig Millionen Besucher anzieht, haben die Grenzen der Großstädte schon längst überschritten, sie sind inzwischen in die Kultur der ländlichen Bevölkerung eingedrungen. Dort beginnen sie nun, die Maßstäbe der Lebensqualität genauso zu beeinflussen, wie die gesellschaftlichen, familiären und die geschlechtlichen Beziehungen. Interessanterweise befriedigt die Phantasie in den Filmen nicht das Bedürfnis der bettelarmen Bevölkerung nach Weltflucht. Kein zurechnungsfähiger Inder – arm oder nicht – glaubt, die Hindi-Filme würden ein realistisches Abbild der Wirklichkeit liefern. Die Diskrepanz zwischen einer eher nüchternen Einstellung zu Liebe und Partnerschaft in der Alltagswelt in Indien und der fiktiven pathetischen Romantik in Hindi-Filmen lässt sich möglicherweise so erklären: In den neueren Filmen werden mittlerweile Sexualität und Tabuthemen wie Ehebruch gezeigt. Bis vor kurzem war nicht einmal ein Kuss erlaubt, der zur Intimsphäre gehört, die man nicht öffentlich teilt. Nicht einmal Ehepaare küssen sich auf der Straße. Allerdings strotzen die obligatorischen Tanzszenen in den Filmen nur so vor purer Sexualität. Nach meinem Empfinden sind sie sogar regelrecht ordinär. Das wiederum ist erlaubt. Es ist aber nicht erotisch, da Erotik Spannung, Geheimnis und Romantik braucht.
Die romantischen Geschichten in den Filmen und die neuen Entwicklungen haben auch keine Auswirkungen auf die Partnerschaftsvorstellungen in Indien. Selbst heute noch bevorzugen ca. 80% der jungen Leute arrangierte Ehen statt Liebesheiraten.
Ein erster Grund dafür ist, dass das Hauptprinzip der Familie nicht die Mann-Frau-Bindung darstellt, sondern dass Eltern und Söhne als Großfamilie - und nicht in Opposition zu ihr als Paar – zusammenleben. Sexuelle Liebe wirkt oft sogar störend, weil sie dem Selbstverständnis des Mannes als Sohn und Bruder abträglich ist. Fast immer erweist sich die Bindung des Mannes an seine Eltern als weitaus größer als diejenige zu seiner Geliebten. Pauschal gesagt: der Mann ist in seinen Bindungen infantil, in der Liebe flatterhaft und im Zorn erbarmungslos. Dadurch beschränkt sich die Liebe für die Frau aufs Beschwichtigen und auf masochistische Ergebenheit. Ebenso geht es um die uralte Spaltung der Ehefrau in eine Mutter und eine Hure – das Objekt der Bewunderung und das der Begierde, was einen scheinbar unlösbaren Konflikt in sich birgt. Ein Punjabi-Spruch bringt es auf den Punkt: „ Eine Frau, die mehr Liebe für dich zeigt, als deine Mutter, ist eine Schlampe“. Bei einer solchen Vorstellung von der Frau ist es unvermeidlich, dass das Schicksal der Sexualität unter einem schlechten Stern steht. Die körperliche Liebe gerät zur schandhaften Angelegenheit, zur spitzen, schnellen Begierde mit wenig Liebe und noch weniger Leidenschaft. Sexualität wird von Frauen eher als eine lästige Angelegenheit empfunden, mit der man schnell fertig werden muss und eher als ein Vorrecht sowie ein Bedürfnis des Mannes. Die Metaphern für den Akt an sich sprechen für sich: „eine wöchentliche Injektion – schmerzhaft, aber gut für die Gesundheit“, „Arbeit“, „Geschäft“. Sogar Gandhi begreift die weibliche Sexualität als „passive, leidvolle Hinnahme einer männlichen Attacke“. Er plädiert für die vollkommene Entsexualisierung der männlich-weiblichen Beziehung zur Lösung des Grundproblems zwischen den Geschlechtern. Zudem kommt, dass für die Hindus die Abwärtsbewegung der sexuellen Energie und ihr Ausstoß als Samen eine Schwächung des Mannes darstellt, eine Verschwendung von Vitalität und essentieller Energie, die durchaus in einer Aufwärtsbewegung hin zum Geist hätte sublimiert und zur Quelle spirituellen Lebens werden können.
Ein weiterer Grund für die Befürwortung arrangierter Ehen ist, dass sich jeder sicher sein kann, durch arrangierte Ehen einen Partner zu finden. Egal, wie man aussieht. Das nimmt viel Druck.
Und drittens werden Mädchen und Jungen bereits in frühester Kindheit auf die arrangierte Ehe vorbereitet. Von Anfang an gibt es eine strikte Geschlechtertrennung. Bis zur Heirat wird der sexuelle Druck so stark, dass die Wahrscheinlichkeit, sich in den zugeteilten Partner zu verlieben, sehr hoch ist, da es keine Vergleiche gibt. Man weiß so gut wie nichts über das andere Geschlecht. Und Unwissenheit gedeiht unter dem gesellschaftlich verordneten Mantel des Schweigens bestens. Das macht eine Liebesheirat sehr schwierig, weil da die Erwartungen aneinander - durch bislang unerfahrene Gefühle geprägt - sehr viel höher sind. Außerdem ist man aufgrund einer solchen Entscheidung gänzlich der eigenen Verantwortung überlassen. Bei einer arrangierten Ehe sind die Eltern durch die Auswahl gleichermaßen verantwortlich für den Erfolg der Verbindung. Das gibt den Protagonisten Sicherheit. Außerdem spielen astrologische Übereinstimmungen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Auswahl der Kandidaten – ein Ausdruck der offenkundigen Schicksalsergebenheit und eine weitere Möglichkeit, Verantwortung für die eigenen Geschicke abzugeben. Eine nur 2%ige Scheidungsrate scheint den Befürwortern Recht zu geben. Arrangierte Ehen folgen eher traditionellen Kasten-Gepflogenheiten - Liebesheiraten hingegen können Kasten- oder sogar Religionsgrenzen überschreiten, was den Alltag für diese mutigen Paare noch schwieriger macht.
Die Geschlechterbeziehungen in Indien werden also eher von Feindseligkeit und Unsicherheit als von Zärtlichkeit und Liebe angetrieben. Die Phantasien, die jedes Geschlecht gegenüber dem anderen hegt, werden ebenso stark von Angst und Hass durchdrungen wie von Sehnsucht und Verlangen.
Und das Kamasutra?
Das Kamasutra gehört einer vergangenen Kultur an, aber es existiert noch immer im kulturellen Gedächtnis. Es zeigt, dass der freie Umgang mit Sexualität kein westliches Produkt, sondern die sexuelle Freiheit in der eigenen Kultur vorhanden ist und wiederbelebt werden kann.
Elke Allenstein
Sonntag, 15. November 2009
Warum Aussteiger unbegabt fürs Glück sind

Einmal ganz neu anfangen: Viele sehnen sich nach einem neuen Leben. Aussteiger gelten als mutigere, mündigere, aufgeklärtere Menschen. Doch sind sie das wirklich?
Der Aussteiger ist selbstbezogen.
Er kreist um sich, er nimmt sich wichtig, zu wichtig. Ihm geht es allein um sein Heil. Er feiert die maximale Freiheit als maximales Glück und verkennt, dass Ungebundenheit auch Bindungslosigkeit heißt - und Einsamkeit. Wer geht, wohin er will, wann er will, wie er will, übernimmt keine Verantwortung, weder für die Familie noch für die Gesellschaft. Er entsolidarisiert sich und gefällt sich in Systemkritik, dabei macht er es sich leicht, denn er verändert nicht die Welt, in der er lebt. Er flieht vor ihr. Er ist feige.
Der Aussteiger ist materialistisch.
Er will besitz- und ballastfrei leben. Kein Haus! Keine Frau! Kein Auto! Doch in seiner Askese ist der Aussteiger so materialistisch wie der Besitzanhäufer. Beide definieren Lebensglück über die Größe des Besitzstandes. Der eine will Glück durch Hamstern, der andere durch Verzicht. Kein Geld macht aber auch nicht glücklich. Selbstbefreiung ist ein innerer Prozess. Innere Freiheit kann man auch in den eigenen vier kreditfinanzierten Wänden erlangen. Äußere Freiheit wiederum ohne wegzurennen. Es gibt in unserem System kein fremdbestimmtes Subjekt, keine Fesseln der Konsumgesellschaft - niemand zwingt uns mitzumachen. Jeder kann den Fernseher ausschalten, das Fitnessstudio kündigen. Um uns zu ändern, müssen wir nicht um die Welt segeln, uns in Klöstern kasteien oder den Lendenschurz umbinden - es ist nur pathetischer. Und frustrierender. Die meisten Südseegesellschaften gestatten weniger Selbstbestimmung als unsere "moderne Sklaverei", die nur eine Enge kennt: die eigenen Zwangsvorstellungen.
Der Aussteiger ist mitteilungsbedürftig.
Er muss über sich reden, wieder und wieder, da seine neue Identität durch Kommunikation begründet wird. Da sein Profil erst in Abgrenzung sichtbar wird, neigt er zu Arroganz gegenüber jenen, denen er ein tristes, angepasstes Leben unterstellt. Nicht nur, dass er für sich selbst eine höhere Erkenntnisstufe postuliert, er pathologisiert sein kritisches Gegenüber, indem er abweichende Standpunkte nicht als solche respektiert, sondern Daheimgebliebenen entweder Begrenztheit im Denken unterstellt oder sie als neidzerfressen diffamiert.
Der Aussteiger ist konservativ.
Er hat das Optimum schon erreicht. Vorne ist, wo er ist. Das sagt sein Weltbild. Er muss bewahren wollen, denn Veränderung kann nur noch Abstieg sein.
Der Aussteiger ist unsouverän.
Der Aussteiger ist gewöhnlich.
Er, der sich als Individualist versteht, ist in Wahrheit nur Tier einer Herde von selbst ernannten Individualisten und pflegt mit Hingabe Gruppensprache und Gruppenhabitus. Nicht umsonst gibt es Aussteigerinseln und Aussteigerbuchten, okkupiert von Einzelgängern im Kollektiv, nicht umsonst findet der Aussteiger im Internet sein Forum. Der vermeintliche Individualist sucht Gleichgesinnte und bewegt sich in einem Kosmos, wo er Bestätigung findet statt Widerspruch - nicht anders als die Menschen "im System". Unter Mittvierzigern in der Lebenskrise fühlt er sich wohl, denn die sind wie er: angstvoll, etwas verpasst zu haben, unsouverän.
Der Aussteiger ist inkonsequent.
Er nutzt das "böse System", informiert sich im Netz über sein neues Leben, impft sich gegen Hepatitis und Gelbfieber, holt sich Reisekrankenversicherungen, kauft sich Goretex und Wasserentkeimer und besorgt sich Startkapital für den Flug nach Übersee. Und wenn er pleite ist, jobbt er als Animateur im Ferienclub, hält Diavorträge oder schreibt seine Memoiren über den geglückten Ausstieg. Hat er denn je stattgefunden? Wiedereinsteigen muss der Aussteiger in jedem Fall. Ob es die Natur ist, die Gesetze diktiert, der Sturm, die Hitze, das Meer oder die neue Dorfgemeinschaft, anpassen muss sich der Mensch ohnehin. Am Ende hat der Aussteiger die einen Probleme gegen die anderen getauscht, nur sich einzufügen hat er immer noch nicht gelernt.
Der Aussteiger ist ideologisch.
Er hat Brücken abgebrochen, unter Opfern. Er kann nicht zurück, darf nicht scheitern. Die Irreversibilität dieses Schrittes zwingt zur Rechtfertigung, der Legitimationsdruck führt zu Verhärtung. Immer, wenn Identität nicht gewachsen ist, sondern neu konstruiert wird, neigt sie zu Radikalität, um sich zu behaupten. Mit der Vehemenz des Konvertiten will der Aussteiger sich und anderen beweisen, dass er richtig liegt. Richtig und falsch, gut und böse werden zu zentralen Kategorien, Grautöne finden keinen Platz. Beseelt von dem Glauben, dass sich aus einer Gemeinschaft von Gutmenschen ein Hort des Guten entwickelt, ignoriert der Aussteiger anthropologische Konstanten. Man kann das liebenswert finden - oder dumm.
Wohin will der Aussteiger zurück? Zum Einzeller?
Der Aussteiger ist nostalgisch.
Er will aus der Moderne aussteigen, der technisierten Welt. Weg mit Handy, GPS - weg mit allem, was uns von uns selbst entfremdet hat. Zurück zur Natur, dem selbst gebackenen Brot, dem einfachen, unverfälschten Leben, wie es früher einmal war. Nur: Wann soll das gewesen sein? Auch Rauchzeichen waren einmal neumodisch; auch Kondome, Frauenwahlrecht und Mondlandung galten schon als Zeichen einer degenerierten Gesellschaft. Bisher hatte noch jede Zeit ihre Moderne. Und ihre Aussteiger. Jede Zeit ihre reaktionären Geister, die gegen den Wandel wetterten. Die nicht akzeptieren wollten, dass der Mensch, das mutierende Wesen, immer in vollständiger Übereinstimmung mit sich selbst lebt. Und falls doch nicht: Wann war er denn authentisch, echt? Wohin will der Aussteiger zurück? Was will er sein? Steinzeitmensch? Einzeller im Meer?
Der Aussteiger ist unzufrieden.
Wohin er auch reist, die Sehnsucht reist mit. Kaum da, drängt es ihn weiter - oder gar zurück. Er ist ein Mensch, unbegabt für Glück.
Quelle: mare - Die Zeitschrift der Meere Heft No. 65 Titelthema: Aussteiger - Dez 07/Jan 2008 von Sandra Schulz und Dimitri Ladischensky
Dienstag, 12. Mai 2009
Kalauer Singh

Inder hat sich seit 35 Jahren nicht mehr gewaschen!
Baden und Zähneputzen muss gar nicht sein: Die totale Weigerung, sich zu waschen, hat einen Inder zwar die Sympathie seiner Kunden gekostet, nicht aber die gute Laune. Bakterien töte er auf seine Weise ab, erklärte der 63-Jährige. Sieben Töchter hat der Inder Kailash "Kalau" Singh, und das scheint ihm nicht zu gefallen. Nachbarn des 63-Jährigen aus dem Dorf Chatav nahe der heiligen Stast Varanasi berichteten der "Hindustan Times", der Mann habe sich vor vielen Jahren an einen Seher gewandt. Der habe ihm geraten, auf das Waschen zu verzichten, wenn er endlich einen Sohn haben wolle. Der Mann tat wie ihm geheißen und ersetzte fortan das Baden und Zähneputzen durch ein "Feuerbad", berichtete die "Hindustan Times". Dabei stehe er allabendlich auf einem Bein neben einem Lagerfeuer, rauche Marihuana und bete zum Gott Shiva. "Ein Feuerbad hilft dabei, die Bakterien abzutöten und Infektionen zu verhindern", zitierte das Blatt Kalau. Nach dem Tod seines Bruders vor fünf Jahren ging Singh noch weiter und verzichtete nun auch auf das rituelle Bad im Fluss Ganges. Seine Arbeit in einem Gemüseladen musste er aufgeben, weil seinetwegen die Käufer fernblieben. Offiziell meidet Singh das Waschen aus Protest gegen die "nationalen Probleme". Erst wenn diese gelöst seien, wolle er sich wieder baden, sagte er dem Blatt.
Quelle: Spiegel Online
Dienstag, 10. März 2009
Toiletten-Toleranz

"Transsexuelle sollen eigene öffentliche Toiletten bekommen:
Stilles Örtchen für ein 'drittes Geschlecht'? Im südindischen Chennai sollen Transsexuelle demnächst ihren eigenen Abort besuchen. Die Stadtoberen wollen der Minderheit zu mehr Anerkennung verhelfen - viele Betroffene befürchten, noch stärker diskriminiert zu werden. Zunächst seien drei solche Einrichtungen geplant, berichtete die Zeitung 'Indian Express'. Sie sollten zur Anerkennung der Minderheit beitragen.
Bei den Transsexuellen stieß der Plan trotz hehren Anspruchs gleichwohl auf gemischte Reaktionen: 'Ich bin damit nicht einverstanden', sagte Aasha Bharati, Vorsitzende eines Transsexuellenverbandes im südlichsten Bundesstaat Indiens, Tamil Nadu. 'Wir wollen doch Teil des Mainstreams sein. Wir wollen nicht besonders behandelt werden.' Im Gegenteil: Separate Toiletten würden die Diskriminierung noch fördern. 'Wir wollen als Frauen wahrgenommen werden. In unseren Herzen sind wir Frauen.'
Indiens erste transsexuelle TV-Moderatorin Rose Venkatesan zeigte sich offener für das Pilotprojekt: Sie nannte es 'eine gute Idee', vor allem für jene Männer, die noch keine vollständige Geschlechtsumwandlung durchlaufen hätten. 'Aber langfristig wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der es keine Unterschiede gibt und alle Menschen dieselben Toiletten benutzen.'
Es gibt allein im Staat Tamil-Nadu etwa 30.000 Transsexuelle. Landesweit sollen es mehr als eine halbe Million sein. Die Gruppe gehört zu den am meisten ausgegrenzten und diskriminierten in der hierarchischen indischen Gesellschaft."
Quelle: Spiegel online
Donnerstag, 12. Februar 2009
Prosit mit Kuhpipi

"Was von der Kuh kommt, kann nicht schlecht sein. Das jedenfalls glaubt eine Hindu-nationalistische Gruppe in Indien - und will ein Getränk aus Rinder-Urin auf den Markt bringen. Derzeit befinde sich das Pipi-Produkt noch in der Entwicklung, soll aber schon jetzt nicht übel riechen.
'Es wird ein sehr gesundes Getränk, ohne Kohlensäure und ohne giftige Stoffe', sagte Om Prakash von der Partei Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) der Zeitung Indian Express. Er nenne den Grundstoff für den Softdrink sowieso nicht 'Kuh-Urin', sondern 'Kuh-Wasser'. Das Produkt durchlaufe derzeit diverse Labortests im nordindischen Lucknow. Es werde 'sehr bald, vielleicht noch Ende dieses Jahres' zur Markteinführung kommen.
Das Getränk werde hauptsächlich aus Urin bestehen, vermischt mit einigen Kräutern, erläuterte Prakash. Es würde ein günstiges Produkt werden, das sich alle leisten könnten. Zum Preis wollte er aber keine Angaben machen. Auf jeden Fall würde es mit Coca-Cola und Pepsi konkurrieren können, betonte er - trotz der gigantischen Werbebudgets der US-Getränkekonzerne. 'Wir werden ihnen ordentlich Druck machen, da unser Getränk gut für die Menschen ist', sagte er. 'Wir denken auch darüber nach, es zu exportieren.'
Die Organisation, 1925 von Hindu-Nationalisten gegründet, verfolgt das Ziel, Indien frei von ausländischen Einflüssen zu halten und einen politischen Hinduismus zu etablieren. Die RSS hat ihren Sitz in Haridwar, einer Stadt am Fluss Ganges, den die Hindus als heilig bezeichnen. Nach Angaben der Partei zählt sie inzwischen acht Millionen Mitglieder.
Es ist nicht der erste Versuch dieser Gruppe, den Rinder-Urin zu vermarkten. Sie preist ihn bereits seit 2001 als medizinisches Allheilmittel an. So helfe eine Rinder-Urin-Therapie nicht nur bei Hautkrankheiten, Sexual- und Kreislaufstörungen, sondern wirke auch gegen Aids, Krebs, Leber- und Nierenkrankheiten - praktisch gegen alles, was man sich denken kann. Damals verkauften Hindu-nationalistische Gruppen den Urin unter anderem unter dem Namen 'Gift of the Cow' Für 20 Rupien, umgerechnet 30 Cent, gab es eine Flasche von der gelben Flüssigkeit. Zudem kamen Tabletten und Cremes mit Urin auf den Markt, die Nachfrage nach den Produkten war größer als das Angebot.
Negative Schlagzeilen hat die Partei allerdings wegen gewalttätiger Übergriffe gemacht, jüngst gegen Christen im zentralindischen Bundesstaat Orissa. Dabei starben im vergangenen Jahr mindestens 67 Menschen. Die Partei organisiert aber auch regelmäßig Boykotte gegen ausländische Produkte wie zum Beispiel Coca-Cola und Pepsi. Für den US-Konzern Coca-Cola wächst Indien zu einem der größten Märkte heran. Das Unternehmen wurde aber in der Vergangenheit mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Getränke Pestizide enthielten - bislang wurde das aber nie nachgewiesen. Beobachter vermuten, dass die RSS hinter der Verbreitung solcher Gerüchte stecke.
Quelle: Spiegel online
Samstag, 7. Februar 2009
Der Lack ist ab!

Es fällt mir nicht leicht diesmal, einen Bunten Splitter zu schreiben. Ich fürchte, er fällt heuer eher spitz als bunt aus. Denn ich muss gestehen, dass ich - obwohl ungewöhnlich aufgeräumt und entspannt - äußerst desillusioniert und ziemlich ärgerlich aus Udaipur zurückgekehrt bin. Warum? Was war anders als sonst? War ich all die Jahre vorher blind? Ich bin mir noch nicht sicher, ob es an meiner Wahrnehmung liegt oder an den tatsächlichen Veränderungen vor Ort, in der Gesellschaft, in den Köpfen der Menschen. Ich vermute eine Mischung aus beidem. Angedeutet hatte es sich bereits. Ich habe es lediglich verdrängt. Was also hat mich aufgebracht? Ein paar Beispiele:
Die Anschläge im Dezember auf die Metropole Mumbai waren schrecklich. Allerdings auch nicht die ersten im vergangenen Jahr, sondern bereits die achten (!). In den Medien tauchten sie deshalb auf, weil diesmal reiche Ausländer im Visier standen. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema, das mich erregt.
Die Bombenattentate haben tiefe Verunsicherung vor allem bei potenziellen Touristen hinterlassen, die in der diesjährigen Hochsaison (Weihnachten/Neujahr) darum ausblieben. Alle Geschäftsleute, die direkt oder indirekt an der Branche verdienen, kamen aus dem Jammern nicht mehr heraus. Die "Blastings" - wie es an jeder Ecke zu hören war - dienten aber irgendwann als Entschuldigung für alles und jeden. Wieder einmal war man in Indien in der Lage, Verantwortung abzugeben. Sonst halten dafür Religion, der böse Blick oder schlechtes Karma her. Nie eigenes Verschulden oder Missmanagement.
Und anstatt mit speziellen Angeboten und besonders gutem Service neue Gäste zu locken, wurden die wenigen, die da waren, ausgepresst wie Zitronen und regelrecht ausgespuckt. Es war egal, ob sich die Touristen schlecht behandelt, verfolgt und über den Tisch gezogen oder einfach unwohl im Land der Maharajas fühlten. Keiner schert sich drum, wie das Image Indiens als Reisemagnet leidet, wenn sich das rumspricht. Hauptsache, man hat hier und jetzt ein paar dreckige Rupien verdient. Das zeigt die Kurzsichtigkeit, die außerordentlich weit verbreitet und in nahezu jedem Bereich zu bemerkbar ist. Möglicherweise ist das bei einem ersten Besuch in Urlaubsstimmung eher kindlich-amüsant. Auf Dauer nervt es. Hinzu kommt, dass man bei genauerer Betrachtung erkennen muss, dass Betrug, Missgunst und Arglist auch vor der eigenen Familie nicht Halt macht. Ich habe schier Unglaubliches gehört, wie skrupellos man selbst innerhalb der Blutsbande agiert. Und ich werde ob meiner nicht vorhandenen Großfamilie mitleidig belächelt. Na servus!
Hinzu kommt, dass durch Korruption kluge Gesetze aufgeweicht werden, so dass jeder findige Geschäftsmann mit genügend krimineller Energie seine Ideen durch- und umsetzen kann. Egal, wie schädlich diese für das Gesamtgefüge beispielsweise der Stadt sind. Es wurde verfügt, dass im Umkreis von 200 m rund um den seinerzeit künstlich angelegten Lake Pichola Häuser nicht über eine bestimmte Höhe hinaus gebaut werden dürfen. Gründe dafür sind zum einen der schlammige Boden in der Nähe des Sees, wenn er denn voll ist. Und das ist er seit vielen Monaten nicht und in einem grauenhaften Zustand: voller Müll, Unkraut, Waschrückständen und nahezu ausgetrocknet. Der nächste Monsun, der Abhilfe schaffen könnte, ist erst im Ausgust zu erwarten und kein Garant. Der zweite Grund für niedrigere Häuser ist die Sichtbarkeit der Arwalliberge und des legendären Monsunpalastes, der noch vor zehn Jahren von JEDEM Rooftop zu sehen war. Keiner hält sich daran. Jeder will seinen Nachbarn übertreffen (in jeder Hinsicht!). Bakschisch makes the world go round. Vor allem in Wahljahren, wie gerade eines zu Ende gegangen ist. Anstatt sich als frisch gewählter Partei dieser Probleme anzunehmen, schließt man lieber die Beer-Shops um acht Uhr abends anstatt um zehn. Angeblich, um dem Alkoholmissbrauch entgegen zu treten. Ein Schildbürgerstreich: die Schlangen vor den Läden um kurz vor Ladenschluss kann man sich vorstellen. Abgesehen davon wurde im Vorfeld von Vertretern ebendieser Partei an Haustüren geklopft und Stimmen mittels verschenkten Whiskeys oder Rum gekauft. Bigotterie wo man hinschaut.
Für den Neubau dieser hohen Ungetümer rund um den derzeit stinkenden See werden zudem architektonische Kleinode - wunderschöne Havelis (Bürgerhäuser) - niedergerissen, die man ebenso rekonstruieren und somit einen Teil des Charmes der Altstadt erhalten könnte. Aber solche Sünden wurden überall in der Welt begangen und hernach bitter bereut. Schwamm drüber.
Was mich wirklich wütend macht, sind Ignoranz und Attitüde, mit denen all dem begegnet wird. Ich fürchte, das ganze Geheimnis um die Gelassenheit der Inder (Yoga, Meditation, Spiritualität???) gelüftet zu haben: es sind Lethargie und Schicksalsergebenheit. Uff! Und wenn man kritische Töne anschlägt, was sich kaum ein höflicher Tourist traut, dann bekomme ich zu hören: "Pass bloß auf, was du sagst, ich bin nämlich stolz, ein Inder zu sein!". Geprägt von deutscher Geschichte und Gegenwart war das Zündstoff für mich. Ich erwiderte - für meine Verhältnisse sachlich, für indische eher leidenschaftlich - dass man m.E. nur auf etwas stolz sein könne, was man auch selbst zu verantworten hätte (schulische oder berufliche Leistung, gelungene Kindererziehung, sportliche Erfolge etc.) und nicht auf eine Laune der Natur, einen Zufall quasi. Aber dass man Verantwortung hier ja so gern übernimmt wie Schulden vom Ex, wüsste ich ja mittlerweile. Ich vermute, mein Gesprächspartner ist mir nur deshalb nicht an die Gurgel gegangen, weil er weiß, dass ich seit zehn Jahren nach Indien reise und mir daher einen Meinungs-Duldungs-Status erarbeitet habe. Denn: eine Frau zu ohrfeigen, wäre lediglich ein Kavaliersdelikt.
Die vermeintliche Freundlichkeit und das scheinheilige Lächeln verschwand von den Gesichtern der Leute, die was zu verkaufen haben, seit sie wissen, dass sie von mir nichts zu erwarten haben. Dass ich um die (teils minderwertige) Qualität der angebotenen Ware und die (meist astronomisch) überhöhten Preise weiß. Dass ich alle Geschichten und Tricks der durchaus virtuosen Verkäufer kenne. Bis ich in Begleitung von fünf meiner Freunde aus Berlin gesichtet wurde. Das sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Plötzlich waren all jene "ein langjähriger Freund von Elki", "schon ewig kaufe ich bei ihnen ein" und "bringe immer andere Touristen mit, weil ich so zufrieden mit Preis-Leistung bin". Als meine Freunde am Neujahrstag in Richtung Jodhpur fuhren, verschwand mit Ihnen das Lächeln der Shopkeeper. Und ich hatte wieder meine Ruhe. Auch gut.
Die Gespräche auf den Straßen, beim Tee und in den Rikshaws waren einseitig, fiel mir auf. Erst jetzt. Es ging um ehrliches Interesse an den Menschen von meiner Seite und um potenzielle Geschäftemacherei auf der anderen. Natürlich nicht immer und pauschal. Sonst wäre die Frage an dieser Stelle durchaus erlaubt, wie naiv ich eigentlich bin. Und nach so vielen Jahren kann ich auf eine Handvoll wirklicher Freunde blicken. Aber es ist traurig und mühselig, wenn man immer argwöhnisch, vorsichtig und misstrauisch sein muss. Immer auf der Hut. Selbstschutz first. Das ist anstrengend. Nicht nur, aber vor allem im Urlaub. Und nicht wenige Gäste, die wir im MOUNTAIN RIDGE beherbergten in dieser Zeit, haben uns weitere Beispiele genannt, waren enttäuscht, wütend ...
Was soll ich sagen? Ich liebe dieses Land. Trotzdem. Und ich hoffe, dass man sich besinnt. Die einstige Unschuld wird es nicht mehr geben. Aber mit Raffgier, Hinterlist und Beschiss wird man Reisende nicht erfreuen, die in dieses Land kommen. Habe ich das Recht, die Menschen dort zu kritisieren? Und wenn ja, würde es helfen? Soll ich lieber still zuschauen, wie es weitergeht und aus Fehlern lernen lassen wie wir es alle tun? Und wenn es schlimmer wird? "Flieg doch einfach nicht mehr hin!" kann ich förmlich hören. Aber ist das wirklich die Alternative? Abgesehen davon würde ich meine Wahlverwandtschaft: die Kinder und PeeMachine sowie liebgewonnene Freunde schmerzlich vermissen. Das ist es nicht wert. Und so hoffe ich auf das nächste Mal.
Samstag, 13. Dezember 2008
Plagiate: same same but different!

Ein Nachbau des berühmten Taj Mahals in Bangladesh sorgt für Empörung in Indien. "Man kann historische Monumente nicht einfach so kopieren", sagte am Mittwoch in Dhaka ein Sprecher der indischen Vertretung in Bangladesh über das "Taj Mahal 2.0". Indien würde nun prüfen, ob Urheberrechte verletzt worden seien, so der Sprecher weiter. Eine Klage sei möglich. Das Taj Mahal sei eine geschützte Sehenswürdigkeit, man werde herausfinden, ob die Kopie tatsächlich die exakte Größe habe. Der aus Bangladesh stammende Regisseur Ahsanullah Moni hatte zuvor einen Nachbau des berühmten indischen Mausoleums vorgestellt. Der umgerechnet 45 Mio € teure Bau liegt 30 Kilometer von Bangladeshs Hauptstadt Dhaka entfernt. Das Taj Mahal sei auch Teil der Geschichte Bangladeshs. "Vor der Teilung wurden wir von dem Mogul, der das Taj Mahal gebaut hatte, regiert, alle in Bangladesh kennen die herzzerreißende Geschichte über seine im Kindbett verstorbene heißgeliebte Frau Mumtaz". Moni will mit dem "Taj Mahal 2.0" nach eigenen Angaben Menschen, die sich eine Reise nach Indien nicht leisten können, die Möglichkeit verschaffen, sich so ein Bild von dem gigantischen Grabmal und damit ihrer eigenen Geschichte zu machen. Rund 40% der 142 Mio. Einwohner Bangladeshs lebt unter der Armutsgrenze. Doch auch finanzkräftige Besucher aus aller Welt sollen das neue Monument besuchen und so auch den Tourismus im an Sehenswürdigkeiten nicht gerade reichen Bangladesch ankurbeln. Der Unternehmer Moni, der auch ein Filmstudio, ein Kino und ein Hotel besitzt, schlägt mit dem Bau gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Neben dem touristischen Anziehungspunkt kann die Taj-Mahal-Kopie auch für Filmaufnahmen gemietet werden. Sie ist nämlich auch Teil eines gigantischen Filmparks, den Moni geplant hat. Rund 42 Mio Euro soll der Park gekostet haben. Die Bauarbeiten beim "Taj Mahal 2.0" begannen 2003 und sind so gut wie abgeschlossen. Nur die das Grabmal umgebenden Gärten und die Teiche sind noch nicht fertig.
Quelle: ORF.at
Ich frage mich nur, warum sich die Inder so aufregen. Schließlich gehören sie neben China zu einer Nation mit den meisten Plagiatsvorwürfen:
Der Anwältin Aliki Busse verschlägt es fast den Atem. "Die sind ja fast echt", staunt sie, als ein Zöllner auf dem Messestand eines indischen Metallverarbeiters einige Töpfe aus dem Unterschrank zieht. Die Behälter haben eine frappierende und wohl durchaus beabsichtigte Ähnlichkeit mit Produkten der Firma Rösle aus dem bayerischen Marktoberdorf, eine der Mandanten Busses. Der Zoll beschlagnahmt die Plagiate, doch allzu einschneidende Folgen müssen die Produktpiraten nicht fürchten. Zivilprozesse in China oder Indien wären viel zu risikoreich und kostspielig, räumt die Anwältin ein und strebt bereits zum nächsten Stand. Die Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" ist zu einem Brennpunkt im weltweiten Konflikt zwischen Produktpiraten und den Herstellern der Originale geworden. Die Anwälte bekannter Markenhersteller wie Alessi, Villeroy & Boch, Koziol oder Bodum schwärmen durch die Hallen und machen den Zoll auf Verstöße gegen ihre Marken- oder Geschmacksmusterrechte aufmerksam. Die Repräsentanten der indischen Firma beklagen sich, nie eine Liste mit Produkten erhalten zu haben, die sie nicht nachmachen dürfen. Für die Messe sei jetzt zumindest ein Teil ihres Geschäftes kaputt. "Die sind verpflichtet, sich zu informieren, bevor sie hier ihre Produkte auf den Markt bringen", kontert Busse. Im Internet seien die geschützten Gebrauchsmuster auch von Indien und China aus leicht zu recherchieren. Den volkswirtschaftlichen Schaden, den die Produktpiraten anrichten, beziffert die EU auf weltweit bis zu 300 Milliarden Euro pro Jahr; Schätzungen für die deutsche Wirtschaft belaufen sich auf bis zu 29 Milliarden Euro. Nachgemacht wird alles, was eine gute Form hat.
Womit wir wieder beim Thema wären und die Bangladeshi sehr gut verstehen können, nicht wahr?
Quelle: STERN.de
Mittwoch, 10. Dezember 2008
TV-Tipp!

NDR am 11.12.2008 von 15:15 bis 16:00 Uhr:
"Wo dem Gatten nur die Nacht gehört - Bei den Jaintia in Indien"
Kwill Dkhar hat Sorgen. Ihre Kohlengrube läuft voll Wasser, die Haupteinnahmequelle der Familie droht für längere Zeit zu versiegen. Was die 55-Jährige aber noch mehr bekümmert, ist der Plan ihrer Tochter Rani, 'in Weiß zu heiraten'. Bei den Jaintia in den Bergen Nordostindiens haben die Frauen den Männern einiges voraus: Nur sie dürfen Land besitzen, und sie vererben alles Vermögen nur an ihre Töchter. Fremde Männer sind ihnen für längere oder kürzere Zeit willkommen, aber nur als 'nächtliche Gatten', bei Tagesanbruch müssen sie das Haus wieder verlassen haben. Alle wissen, welche Frau welchen 'nächtlichen Gatten' hat, aber man spricht nicht darüber. Eine solche Beziehung durch eine 'Hochzeit in Weiß' öffentlich zu machen, ist für ältere Jaintia ein Zeichen schlimmen Sittenverfalls. Von den Männern wird erwartet, dass sie für ihre Mütter da sind. 'Ein angesehener Mann ist der, der ständig und erfolgreich für seine Mutter arbeitet', sagt Kwill Dkhar und erhofft sich die Lösung ihrer Probleme von ihren beiden Söhnen Evening und Morning.
Quelle: TVinfo.de
Dienstag, 25. November 2008
Heute in einem Monat …

… werde ich wieder indischen Boden unter meinen Füßen haben und bin jedes Mal erstaunt, wie wenig ich so kurz vor dem ersehnten Tag dann doch mental darauf vorbereitet bin. Zu sehr bin ich in den vergangenen Monaten wieder vom deutschen Alltag verschluckt worden. Nach der Rückkehr im Sommer – wie auch nach jeder zuvor – freute ich mich schon wieder auf die nächste Reise nach Indien, und die Sehnsucht war so groß. Aber es reicht schon, die bereits vor Wochen gekauften Weihnachtsgeschenke für die Wahlverwandtschaft in Udaipur zu sortieren, um in Stimmung zu kommen. Zeit für Erinnerungen an den letzten Monsun und den zweiten Teil des Bunten Splitters vom Juli:
Das Erste, woran ich mich noch sehr intensiv erinnere, war mein Flug nach Delhi. Ich muss der Fairness halber voranschicken, dass ich mittlerweile eine gute Freundin der deutschen Lufthansa und vor allem vom Service des Online-Check-In 23h vor Abflug geworden bin. Damit nämlich habe ich mir einen der schwer umkämpften Emergency-Exit-Seats ergattert – direkt vor einer Wand, an der man die Beine so gut hochlegen kann. Damit sollte der Nachtflug bequem werden. Dachte ich. Neben mir saß zunächst ein gesprächigen Inder der neuen Mittelschicht und ebenfalls mittleren Alters und mit nur ganz mittleren Manieren, der recht grob wiederum seine eigene Bequemlichkeit einforderte, jedoch bald für ausführlichere Plaudereien zu seinen Landsleuten pilgerte. Dann allerdings begann ein Kasperletheater, das vor allem mit einer hoch frequentierten Vorhang-auf-Vorhang-zu Performance glänzte. Jede der Stewardessen, die für diesen Abschnitt des Flugzeuges eingeteilt war, in dem ich saß, war bemüht, jenen vom vorderen (ich rede hier nicht von der Business- oder First-Class) zu trennen und riss immerzu an dem blauen Stück Stoff direkt vor mir. Auf-und-zu-auf-und-zu. Ich war kurz davor, den Fetzen gewaltsam abzutrennen, als mich der Schlaf endlich übermannte. Auf dem Rückflug blieb mir das zum Glück erspart. Das Flugzeug war so leer, dass ich mir eine der vielen Viererreihen zum genüsslichen Schlummer über den Wolken aussuchen konnte.
Mit mir kam der Monsun und überraschte das schwitzende, dösende Delhi aufs heftigste. Nichts ging mehr. So entschied ich, die Stunden bis zum Weiterflug nach Udaipur sicherheitshalber am Flughafen zu verbringen und auf ein Frühstück mit Freunden in der Innenstadt zu verzichten. Bis auf die indienübliche Verspätung ging alles gut. Aber welch Überraschung bei meiner Ankunft: das kleine, provisorische Abfertigungsgebäude des Maharana-Pratap-Flughafens von Udaipur, das ich liebevoll „meine kleine Bushaltestelle“ nannte und in die man vor einigen Jahren sein Gepäck durch ein Fenster herein gereicht bekam, ist einer opulenten Glashalle gewichen, in der ich nun staunend und etwas verloren stand, denn mit mir waren maximal 20 Passagiere ausgestiegen, die sich flugs verteilten. Ja sicher, man hatte schon bei meinem letzten Besuch kräftig gebaut am zukünftigen International Airport, aber so schnell? Das war untypisch und ein wenig beängstigend. Dafür fiel die Begrüßung draußen umso wärmer und herzlicher aus. Beim Flug zurück nach Delhi hingegen hatte ich sehr viel Zeit, das neue Gebäude eingehend zu betrachten und dem ohrenbetäubenden Prasseln des Regens auf dem Glasdach zuzuhören, da das Flugzeug von und nach Delhi erst einige Zeit über Udaipur kreiste, aber wegen des schlechten Wetters keine Landeerlaubnis bekam und dann abdrehte, um im südlich gelegenen Ahmedabad wieder aufzutanken. Drinnen war es dank der Air Condition unnatürlich kalt. Nur nach äußerst aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen erlaubte man mir, in meinem Sommerkleidchen einige Zeit vor der Tür unter dem Vordach die feuchtwarme Zeit totzuschlagen. Es schien, als wolle Udaipur mich gar nicht fort lassen. So wenig, wie ich gehen mochte.
Als ich nach 5h dann doch noch im Flieger nach Delhi Platz nahm, saß neben mir ein Junge, der ganz offensichtlich zu einer vierköpfigen Familie gehörte, die wohl längere Zeit in Indien verbracht hatte, denn er blätterte in einem indischen Zeugnis, das auf seinen Namen ausgestellt war. Seine Herkunft konnte ich nicht ausmachen, hoffte nur, dass es kein Deutscher war, denn jedes Blatt des vielseitigen Dokuments zierte ein Mäanderband von Hakenkreuzen – Swastiken, die in Indien als Sonnenzeichen verehrt, glücksbringend und keineswegs negativ konnotiert sind. Ein bizarrer Anblick. Außerdem waren die Fächer nicht mit Zensuren versehen, sondern in kompakte Textbeurteilungen unterteilt.
Es gab drei Dinge, die ich sofort nach meiner Ankunft erledigen wollte: eine indische Mobiltelefon-Karte kaufen, eine Rikshaw-Flatrate mit zwei Fahrern meines Vertrauens vereinbaren (die ich dann mittels des Mobiltelefons immer erreichen konnte) und einen Ort finden, an dem ich auch spät nachts noch die Fußball-EM schauen konnte, da die Zeitverschiebung die Spiele von 20:45 Uhr auf 00:15 Uhr katapultierte. Da ist kaum noch jemand wach in Udaipur, geschweige denn irgendwo Public Viewing mit Bier und Gesängen. Alles war binnen weniger Momente bewerkstelligt: bharat me sab kuch milega – alles ist möglich in Indien. Irgendwie. Die Rikshaw-Flatrate hat sich bestens bezahlt gemacht: von Großeinkäufen für die vielköpfige Wahlfamilie oder die Fahrt zu einer üppigen Plant Nursery, in der ich Exoten für meine Terrasse für ein paar Rupien erwarb bis hin zu Bier- & Wein-Karton-Transporten oder späte Fahrten durch die menschenleeren Gassen der Stadt, die von heiseren „Finale“-Rufen erschüttert wurde. Überhaupt war es ein eher groteskes Erlebnis, die diesjährige EM im fernen Indien zu verfolgen. Die Spiele wurden auf einem – in den heimischen Fernsehern eher weit hinten gespeicherten - Sportkanal ausgestrahlt und in einem Mischmasch aus Englisch und Hindi kommentiert. Gelegentlich fielen die Namen der deutschen Spieler oder der Begriff „Bundesliga“ und hörten sich dann genauso exotisch an wie die von mir gekauften Pflanzen. Wir waren eine illustre Runde, ich die einzige Frau. Alle waren Fans der deutschen Mannschaft. Bier war im muslimischen Gastgeber-Haushalt verboten und wurde draußen in der Rikshaw gelagert, wo es in der Halbzeit hastig getrunken wurde. Es wird ja schließlich nicht kälter. Der Moment, an dem der Satellit ausfiel, war schlimm. Denn das Bild kam in Udaipur nicht wieder. Und so versammelten wir uns alle draußen um die Rikshaw, das Bier und warteten gespannt auf Nachrichten aus Deutschland via Telefon, die prompt kamen und uns so wenigstens nicht ganz im Dunkeln ließen. Danke, Freunde. Das war wirklich großer Sport. An jedem Tag nach einem deutschen Sieg wurde ich herzlich beglückwünscht, als hätte ich erheblichen Anteil daran. Köstlich. Ich wusste, das die Inder passionierte Sportgucker sind, dachte bislang aber nicht, dass dies auch für Fußball gilt und vor allem auch dann, wenn sie selbst gar nicht spielen.
Wo es beim Sport und in der Politik beim Inder noch recht leidenschaftlich zugeht, ist er ansonsten extrem cool und gelassen. Eine Fahrt zum idyllisch gelegenen Ubeshwarji-Tempel einige Kilometer von Udaipur entfernt wurde jäh unterbrochen von einem gegerbten Gesicht, zu dem ein Mann mit verwegenem roten Stirnband und Zahnstocher im Mund gehörte und uns anzuhalten gebot. Die Frage von Billu, dem waghalsigsten Rikshawfahrer Rajasthans, nach dem Grund, beantwortete der Straßencowboy lapidar mit einem knappen Verweis auf Sprengarbeiten wenige Meter vor uns. Und tatsächlich erschütterte kurz darauf ein unfassbarer Knall die Luft, und der Fels über der zu erweiternden Straße barst in tausend Stücke. In Sichtweite! Keine Absperrung, keine Warnung, keine Ahnung, wie wir in absehbarer Zeit den völlig verschütteten Weg passieren würden können. Halbstarke Jungs mit Motorrädern quälten ihre Maschinen über die Geröllmassen und klopften sich stolz auf die noch unbehaarten Brüste. Ein kleiner gelber Bagger ackerte wie ein Maultier und schaufelte Steinchen für Steinchen in seinen Schlund. Nach gut einer halben Stunde war der Spuk vorüber und wir rollten - immer noch verblüfft - bereits gen Udaipur.
Kopfschütteln - oder sanftes Wiegen des Hauptes, in das man ja früher oder später in Indien ganz von selbst verfällt – verursachten diesmal bei mir noch zwei weitere Beobachtungen. Zum einen war es wieder einmal der Erfindungsreichtum der Inder, wenn es ums leichte Geldverdienen geht. Die hügelige Landschaft rund um Udaipur hat ein besonders findiger Geschäftsmann ausgenutzt, um eine Seilbahn zu bauen, die jedoch nicht etwa die Ebene mit einem höher gelegenen Tempel verbindet, zu dem man früher nur äußerst beschwerlich Zugang fand. Nein, es sind exakt zwei Imbisse, die demselben Schlitzohr gehören: einer unten und einer oben. Großartig! Die zweite Beobachtung mag sich jeglicher Wertung entziehen und zu alten, mir gänzlich fremden Traditionen gehören, über die ich mir kein Urteil erlauben sollte. Ich möchte sie auch daher so objektiv wie möglich schildern. Mehrfach schon war ich eingeladen und Gast auf indischen Hochzeiten, hinduistischen wie muslimischen. Bei letzteren fiel mir immer wieder auf, dass im Eingangsbereich Geld überreicht und Listen geführt wurden. Diesmal habe ich gefragt. Es ist demnach wohl so, dass das geschenkte Geld jedes Gastes direkt gezählt und die Summe notiert wird, sodass im Falle einer Hochzeit eben jenes Gastes oder von jemandem aus seiner Familie exakt der gleiche Betrag geschenkt wird. Möglicherweise werden so auch die fürstlichen Hochzeitsfeierlichkeiten teilweise refinanziert, bei denen sich viele Familien bis über die Ohren verschulden. Es geht ums Prestige. Reputation, Reputation, Reputation ist das Mantra. Und das wiederum haben beide Glaubensrichtungen gemein. Es ist subjektiver ausgefallen, als ich wollte, aber Indien ermöglicht keine Objektivität. Das ist wohl ein winziger Baustein des Rätsels.
Heute in einem Monat werde ich indischen Boden unter meinen Füßen haben und wieder erstaunt sein ...
Samstag, 22. November 2008
Nice slums

Im ICE. Eine indische Großfamilie schaut aus dem Fenster. Draußen taucht eine Schrebergartenkolonie auf. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, ein paar Rentner sitzen vor ihren Lauben, andere wässern die Beete. Der indische Vater streckt den Zeigefinger aus und ruft begeistert: "Look look, very nice slums!"
Quelle: NEON 11/08
Sonntag, 9. November 2008
Deutsches Modekaufhaus goes Sari

Der indische Textilunternehmer Rajive Ranjan hat die insolvente Modekette Wehmeyer übernommen und plant eine Expansion in der Fläche. Alle verbliebenen 23 Filialen sollten erhalten bleiben. Von 2010 an sollten vor allem in Kleinstädten neue Filialen dazukommen, teilten Ranjan und Insolvenzverwalter Frank Kebekus am Montag in Düsseldorf mit. In den nächsten zwei Jahren will Ranjan bis zu 15 Millionen Euro investieren, um die Verkaufsflächen zu modernisieren. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Ranjans Unternehmen "Techno Lifestyle" (Na servus!) mit deutschem Sitz in Willich bei Düsseldorf kaufe Stoffe ein und lassen sie in Asien zu Kleidung verarbeiten. Wehmeyer hatte Anfang Juli einen Insolvenzantrag gestellt. Als Gründe waren das schwierige Marktumfeld und das zurückhaltende Konsumverhalten in Deutschland genannt worden.
Quelle: w&v
Mittwoch, 15. Oktober 2008
Prekariats-TV für Indien?

Was gut ist, setzt sich eben durch
"Billige Arbeitsplätze in Indien? Bei 9Live geht die Globalisierung andersherum: Der Bezahlsender will den Subkontinent mit Call-In-Sendungen aus Deutschland beglücken. 9Live beschert Indien eine Mitmach-Show. 9Live International will neues Terrain erorbern: der Mitmachsender drängt auf den Boom-Markt Indien. 'Jaago aur Jeeto' ('Wach bleiben und gewinnen') heißt das Programmfenster, das auf dem indischen Sender Zee TV on air geht. Die Show wird komplett in Deutschland produziert. Jetzt fehlt nur noch das passende Personal: Für den Standort Unterföhring sucht 9Live gerade 'engagierte, fließend Englisch und Hindi sprechende Call-TV-Redakteure'. Na servus.
Quelle: w&v vom 13. Oktober 2008
Mittwoch, 24. September 2008
iPhone - The India Edition

Ich bin eben über den Entwurf eines Witzboldes gestolpert, der einige sehr indische und wirklich großartige Funktionen fürs iPhone vorgeschlagen hat. Hier nur ein paar Beispiele:
"Miss Call Management Service Intergated" erlaubt Ihnen, Ihre Freunde anzurufen, ohne diesen auch nur eine Millisekunde lang die Chance zu geben, den Anruf entgegen zu nehmen. Die urbane Jugend wird diese Funktion lieben!
"Irritating Ringtone Killer" saugt die Batterien nervig klingelnder Handys in Ihrer Umgebung leer. Muss man in Indien nur aufpassen, dass man nicht selbst zum Opfer dieser Funktion wird
"Replace Current Wallpaper" ersetzt mit einem Klick beispielsweise die dralle Blonde mit dem Foto Ihrer Frau.
Quelle: iPhone-world.de
Mittwoch, 24. September 2008
TATA gibt's und nimmt's

Aber für u.s. Projekt sind ja jetzt wieder Kapazitäten frei geworden:
"Gewalttätige Proteste verzögern Tatas Volksauto für die Ärmeren. Seit Monaten macht die Opposition in Westbengalen gegen die Nano-Fabrik eine Autostunde von Kolkata entfernt mobil. Sie verlangt die Rückgabe von 400 Hektaren Land an Bauern. Demonstranten umzingelten die Fabrik und schlugen Zelte auf, Feldküchen wurden eingerichtet, um die Massen zu versorgen. Die Polizei verwandelte das Werk in eine Festung. Ratan Tata fürchtet um die Sicherheit seiner Arbeiter und ihrer Familien. Viele trauen sich aus Angst nicht mehr zur Fabrik. Auf Plakaten drohen die Protestierenden den Tata-Mitarbeitern ernste Konsequenzen an. Einige Arbeiter sollen bereits verprügelt worden sein."
Quelle: NZZ online
Dienstag, 29. Juli 2008
Globalisierung zum Anfassen und Nachbauen

Der indische Automobilhersteller Tata Motors will möglicherweise ein neues Modell der Jaguar-Luxusmarke "Daimler" auflegen. Dies sagte Konzernchef Ratan Tata vor Investoren in London. Die britische Jaguar-Marke Daimler könnte demnach gegen Rolls-Royce, Bentley und die Daimler-Marke Mercedes-Benz antreten. Für Autos gehört die Marke Daimler nicht dem gleichnamigen Stuttgarter Konzern, sondern nach einer sehr wechselvollen Geschichte jetzt den Indern.
Quelle: WELT online
Sonntag, 27. Juli 2008
Sorgen

"Bei der exakt koordinierten Anschlagsserie sind am Samstag, 26.07. in der westindischen Stadt Ahmedabad nach Polizeiangaben mindestens 29 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 90 Verletzte in Krankenhäuser seien gebracht worden, sagte ein Sprecher der örtlichen Polizei. Bei den geschätzt 16 Explosionen wurden viele Menschen von Metallteilen wie Bolzen und Muttern getroffen, die in den Bomben steckten. Die Täter hatten zahlreiche der vermutlich auf Fahrrädern angebrachten Sprengsätze mitten auf Märkten gezündet, auf denen zahlreiche Menschen unterwegs waren.
Erst am Freitag, 25.07. waren bei einer Bombenserie in der südindischen Hightech-Metropole Bangalore zwei Menschen getötet und sechs verletzt worden. Insgesamt waren dort nach Angaben der Behörden binnen 15 Minuten acht selbst gebaute Bomben mit schwacher Sprengkraft detoniert."
Sollte hier die Politik erneut Hindus und Muslime aufeinander hetzen, um suspekte Interessen durchzusetzen?
Quelle: Spiegel online vom 27.07.
Samstag, 12. Juli 2008
Monsun & andere Stürme

Ich bin bereits seit über einer Woche wieder zurück in Berlin und versuche, Kopf & Herz zu ordnen, suche nach passenden mentalen Behältern und sortiere Erzählstränge. Selten ist es mir so schwer gefallen - dort wie hier - Erlebtes zu formulieren und Bunte Splitter zu teilen. Es liegt wohl daran, dass es schwieriger wird, nicht allzu Privates auszuplaudern. Wenn man nicht mehr bloß als Reisende auf die Dinge schaut, sondern involviert ist in die großen & kleinen Geschichten vor Ort. Dann muss man lernen zu unterscheiden, was man preisgibt und was nicht. Was für andere spannend, unterhaltsam oder aufregend ist oder eben nicht. Ich erinnere mich:
Ich wollte unbedingt während des Monsuns in Udaipur sein. Dann ist das Städtchen schläfrig, die meisten Läden haben geschlossen, man bereitet sich auf einen neue Geschäftssaison vor. Der sehnsüchtig erwartete Regen kann jeden Moment herein brechen und den allgegenwärtigen Staub mit sich fortspülen und ein paar schmutzige Geschichten gleich mit. Aber vor allem könnte er den See wieder mit Wasser füllen. Eine traurige, brackige Kulisse ist der legendäre Lake Pichola in diesen Tagen. Keine James-Bond-Szene würde momentan hier gedreht, keine Celebrity-Hochzeit gefeiert werden - nichts romantisch-exotisches haftet ihm gerade an. Die Boote schunkeln im Schlamm und schaukeln Tauben auf ihren Dächern. Alles döst. Bis, ja bis der erste Regen aus dem Himmel tropft. Erst warme, winzige Vorboten, die ihre Ärmchen nach der durstigen Erde ausstrecken, um dann mit ganzer Macht allem und jedem mit kräftigen Schlucken Erlösung verschaffen. Die Erde ächzt und platzt vor zurückgehaltener Fruchtbarkeit schier aus den Nähten. Es riecht betörend nach neuem Leben. Und man ist binnen Sekunden pitschnass. Der Strom fällt aus oder wird abgeschaltet. Matter Kerzenschein flackert aus den umliegenden Häusern. Die Tiere sind ganz still. Ein Moment, wo man nirgendwo sonst sein möchte, als gerade hier & jetzt.
Habe ich schon erwähnt, dass die Zufahrt zum Mountain Ridge eine nicht ausgeschilderte Schotterpiste ist, die zur Regenzeit unser Haus quasi von der Außenwelt abschneidet? Habe ich nicht? Oh. Na jedenfalls war es an den Tagen nach dem Regen nicht immer leicht, eine Fahrgelegenheit vor die Tür zu bestellen, und so haben mein Gast & Freund Patrick, Hausherr & Auskenner Piers und ich uns zu Fuß auf den Weg zur Hauptstraße gemacht, um von da aus dann eine Mitfahrgelegeneheit anzuhalten. Es war Mittag und brütend heiß. Weit und breit keine Rikshaw. Als wir schon eine Weile in Richtung Udaipur marschiert waren, hielt quietschend und lärmend ein Traktor mit extrem lustiger Besatzung, die uns einluden aufzusitzen. Ich zierte mich in meinem cremefarbenen Salwarsuite zunächst ein wenig, erlag dann jedoch dem Charme dieses Abenteuers und kletterte kindlich vergnügt auf den Bock. Leider dauerte die Fahrt nicht lang, da wir kurz darauf in eine andere Richtung mussten. Fröhlich und ganz und gar schmutzig sprangen wir ab: direkt vor dem Palast des Prinzen von Dungapur, der uns spontan auf seinen Berg einlud. Es waren um die 40°C und die Luft geschwängert von Feuchtigkeit. Wir waren verschwitzt, dreckig und völlig außer Atem, als wir in den herrschaftlichen Räumen ankamen. Man bat uns herein und schickte sofort einen der Angestellten nach Getränken, die jedoch sehr lange auf sich warten ließen. Nicht, dass ich hier mosern möchte. Ich hatte mich nur im Stillen gefragt, was denn bei stinknormalem (Prinzen-)Leitungswasser so lange dauert. Aber wir wurden aufgeklärt: als man hörte, dass Patrick und ich Deutsche sind, hat man sofort nach Bier geschickt. Uff. Während wir also mit unterschieldichen Erwartungen auf unsere Kaltgetränke warteten - Patrick befand, Bier ginge immer, Piers war höflich und ich ein wenig besorgt wegen der oben beschriebenen äußeren Umstände, die sich - gemixt mit Bier - wohl oder übel auf unseren Zustand auswirken würden, stellte man uns den royalen Haushalt vor. Allesamt sehr vornehme aber moderne Leute, die sich in Smalltalk auskannten. Am beeindruckendsten fand ich die beiden Dackel, deren deutsche Namen ich schon wieder vergessen habe, die in der Mitte auseinandergezogen waren, wie der Plüschkollege aus der RWE-Werbung. Naja, fast. Wie gesagt, es war sehr schwül. Einen eiskalten Bierkrug in der Hand ließen wir uns die ausgestellten Fotografien der Ahnen erklären. Auf einer war sogar der Ex-Papst mit drauf. Den Berg hinunter waren wir drei wunderbar beschwipst und kicherten in einem fort. Ich hoffe, wir haben trotzdem einen netten Eindruck hinterlassen. Man hat uns jedenfalls in die Residenz nach Dungapur eingeladen. Das werde ich mir fürs nächste Mal vornehmen. Dann vielleicht besser ohne Bier.
Nach der Reklame dann: Sprengung ohne Netz und doppelten Boden, nächtliche Ruhestörer zur EM 2008 und befremdliche Sitten bei muslimischen Hochzeiten ...
Montag, 9. Juni 2008
Dickerchen darf nicht fliegen

Während meiner Reisevorbereitungen - am kommenden Sonntag geht es wieder nach Indien und diesmal mit einem 5-Jahres-Visum im Gepäck - bin ich über folgende Meldung gestolpert:
"Keine Gnade für das Flugpersonal von Air India: Die rund 1600 Crew-Mitarbeiter der nationalen Fluggesellschaft müssen Arbeiten am Boden verrichten, wenn sie übergewichtig sind. Diese Entscheidung bestätigte jetzt ein Gericht in Neu-Delhi. Es sei nichts 'Unvernünftiges oder Willkürliches' an dieser Entscheidung, hieß es nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur zur Begründung. 'Das Gericht hat unseren Standpunkt in allen Punkten gerechtfertigt', sagte ein Sprecher von Air India. Fitness und Tauglichkeit seien die Gründe für die Gewichtsstandards der Airline, begründete Air India den Schritt. Das Unternehmen hatte in Abhängigkeit von Gewicht, Größe und Geschlecht die Maße für ihre Beschäftigten festgelegt. Dass auch übergewichtige Passagiere diskriminiert werden können, erfuhren Leser von zwei Zeitungen in den USA: Eine Fluggesellschaft namens Derrie-Air hatte in Philadelphia ganzseitige Anzeigen mit dem Slogan 'The more you weigh, the more you pay' geschaltet. Besorgte Leser, die angesichts ihrer Leibesfülle satte Ticketpreise errechneten, durften jedoch aufatmen: Bei der Kampagne handelte es sich um einen Werbegag eines Anzeigenvermarkters, die Fluggesellschaft entpuppte sich als reine Erfindung."
Puh! Ich beäuge derweil argwöhnisch Körper und Koffer. Und hoffe auf die Gnade der Lufthansa vor allem im Hinblick auf Letzteren.
Quelle: Spiegel online vom 09.06.
Sonntag, 6. April 2008
Bharat

Bharat, ich kann es nicht glauben, dass es dich nicht mehr geben soll. Du bist der Mittelpunkt, der Sonnenschein, die Liebe des Mountain Ridge. Was machen wir denn ohne dich? Indira, Sirzana, Rajesh und Bandana ohne ihren lustigen Papa? Piers ohne seinen besten Freund? Der Haushalt ohne sein Oberhaupt? Wieso du und warum jetzt? Dumme Fragen von einer hilflosen, traurigen Elke, die dich liebt und vermisst.
Bharat, I can't believe, you are not any longer with us. You are the middle, the sunshine, the love of our house. What are we doing without you? Indira, Sirzana, Rajesh and Bandana without their crazy dad? Piers without his dearest friend? The household without the head? Why you and why now? Silly questions from helpless and sad Elke, who is loving you and missing you.
Bharat - main tumse pyar karthi hoon. Gagan me phir melenge. Danyawad!
Freitag, 21. März 2008
Auf den Geschmack gekommen

Vor einigen Tagen habe ich auf ARTE einen Bericht über den sogenannten Foodhunter Mark Brownstein gesehen, der seit einigen Jahren in aller Welt nach ungewöhnlichen Speisen, Zutaten, Früchten, Gewürzen, Pflanzen sucht. Dabei geht es um alte, vergessene oder nur regional bekannte Köstlichkeiten, die er vor dem Vergessen bewahren möchte. Drei Beispiele aus Nordindien haben es mir angetan. Auf meiner nächsten Reise im Juni werde ich mich auf die Suche nach ihnen begeben und sie an dieser Stelle schon mal vorstellen:
SAFRAN AUS KASCHMIR:
Früher galt Safran aus dem Hochtal von Pampur als der beste, intensivste, wohlduftendste Safran der Welt. Wegen des Konflikts und der gefährlichen Dauerkrise um Kaschmir gelangt er seit gut zwei Jahrzehnten nicht mehr auf den Markt. Jedenfalls nicht mehr der echte. Unter seinem Namen wird gefälschter Safran verkauft oder er wird gestreckt mit billigerem aus Iran. Selbst in Indien, ja selbst vor Ort in der Hauptstadt Srinagar ist echter Kaschmir-Safran nicht zu bekommen. Schon seit 500 v.C. wird das teuerste Gewürz der Welt in den Höhen Kaschmirs angebaut. Während der zweiwöchigen Blüte des Safran-Krokus werden die violetten Blüten von Hand gepflückt. Jede Blüte enthält drei rote Blütennarben, die von Hand herausgezupft und getrocknet werden. Der Safran ist nur das: diese getrockneten Blütennarben. 75.000 Blüten ergeben 1 Kilo Safran.
KER (eine in Indiens Wüste Thar in Rajasthan am Rand der Sanddünen wild wachsende Kapernart)
Ein klassiches Wüstengericht, das die Maharadschas einst verfeinern ließen, heute aber als Arme-Leute-Essen gilt. Ker wird getrocket auf rajasthanischen Märkten angeboten, es hält sich ewig. Die pikante Ker-Beere harmoniert bestens mit der Wüstenbohne Sangri.
ELEFANTENAPFEL oder Holzapfel hat Mark Brownstein am Straßenrand von Udaipur entdeckt. Der Name der faustgroßen Frucht kommt von ihrer extrem harten Schale. Der Elefantenapfel gedeiht an wildwachsenden mächtigen Bäumen der trockenen Ebenen Indiens und Sri Lankas. Früher wurde köstliches Chutney aus dem Elefantenapfel gemacht oder Pickles. Die unansehnliche Frucht ist mit ihrer Extremschale unpraktisch, enthält große Kerne, die man erst entfernen muss, und verströmt beim Öffnen einen unguten Geruch, der allerdings rasch verschwindet. Wohl deshalb ist der Elefantenapfel selbst in Indien heute fast völlig vergessen und nahezu unbekannt. Der Reifetest der Frucht: Man lässt sie fallen. Unreif springt sie wie ein Ball, reif bleibt sie träge liegen.
Bstellungen nehme ich bis Mitte Juni gern entgegen ...
Sonntag, 2. März 2008
Rächerinnen in Pink

"Manchmal muss man das Gesetz selbst in die Hand nehmen": So lautet das Motto einer Gruppe von Frauen im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die als "Gulabi Gang" bzw. "Pink Gang" bereits über die Landesgrenzen für Schlagzeilen gesorgt haben. Denn die mittlerweile Hunderte Frauen zählende Selbsthilfegruppe hat genug von der gesellschaftlich verankerten Diskriminierung in einem der ärmsten Regionen Indiens und beschloss - notfalls auch mit Gewalt - gegen die Missstände vorzugehen.
Zu spüren bekamen das bereits gewalttätige Ehemänner, untätige Polizisten und korrupte Beamte.
Um die Rechte eines Unberührbaren durchzusetzen, wurde dabei auch vor der Erstürmung einer lokalen Polizeistation nicht Halt gemacht, wie das Internet-Portal Asia Sentinel berichtete.
"Niemand kam uns zu Hilfe", deshalb sei man gezwungen gewesen zu handeln, so Sampat Pal Devi, die vor mehr als zwei Jahren die "Pink Gang" ins Leben rief.
Damals entschied Pal Devi, dass der Ehemann ihrer Schwester am eigenen Leib spüren sollte, was er dieser zuvor angetan hatte und erteilte diesen zusammen mit einer Gruppe von Frauen, bewaffnet mit Holzstöcken, Eisenstangen und Cricketschlägern, in einem Zuckerrohrfeld nahe der Ortschaft Attara eine Lektion.
Mittlerweile ist die "Pink Gang" bereits in mehr als 195 Ortschaften der Region aktiv, wobei man nicht "eine Bande im eigentlichen Sinn, sondern eine Bande der Gerechtigkeit sei", betonte Pal Devi laut BBC.
Der einzige Weg, der Diskriminierung von Frauen in der männerdominierten Gesellschaft von Banda entgegenzutreten sei laut Pal Devi, den Männern das Fürchten zu lehren.
Aus diesem Grund habe sie sich entschlossen, die "Pink Gang" zu gründen. Denn während eine einzelne Frau wenig ausrichten kann, werden Männer bei einer Gruppe von Frauen "nervös", so Pal Devi, die gleichzeitig Wert darauf legt, nicht als gewaltbereite Feministin abgestempelt zu werden.
Man erwarte sich lediglich mehr Respekt, was gleichzeitig auch für die Armen und nicht zuletzt die immer noch diskriminierte Kaste der Unberührbaren gilt, die in Uttar Pradesh mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Quelle: ORF.at
Sonntag, 24. Februar 2008
Ziegenopfer & Familienzuwachs

"Herrjeh, ist das weit", dachte ich diesmal im dritten und eben gerade noch erwischten Flug von Delhi nach Udaipur. Denn da hatte ich bereits 24 Stunden Reise, knapp viereinhalbtausend Meilen sowie einige Flughafenkilometer hinter mir. Der Exportmanager Mr. Kumar hatte treu - wieder mit Schnittblumen - die erhebliche Verspaetung ausgesessen und mich umgehend zum Domestic Airport fuer die innerindischen Fluege gebracht, damit ich den Anschluss nicht verpasse. Unterwegs rasch ein paar geschaeftliche Neuigkeiten ausgetauscht.
Dann endlich angekommen. Aufs herzlichste begruesst. Ein kaltes Bier vor mir. Das Gepaeck war da, die Zahnschmerzen Vergangenheit. Allerdings musste ich an Humboldt denken, der bei seinen Wanderungen durch den suedamerikanischen Dschungel auf Wunsch der Eingeborenen regelmaessig pausieren musste, damit deren Seelen Zeit hatten nachzukommen. Meine war definitiv noch nicht in Udaipur angekommen. Ich starrte hohl und entmateralisiert auf den See.
Und war nicht vorbereitet auf die vielen Ueberraschungen, die mich im Mountain Ridge - von nun an mein Zuhause - erwarteten. Zunaechst waren da vier neue Familienmitglieder im ohnehin quirligen Haus inklusive einer bernsteinfarbenen Huendin, die ich stehenden Fusses auf "Ginger" taufte. Eine offensichtlich sehnsuechtig erwartete Gespielin fuer Pee Machine. Die beiden balgen herzallerliebst. Was die gerechte Aufteilung menschlicher Zuwendung betrifft, laesst Pee allerdings keinen Zweifel daran, wer Herrin im Hause ist. Sie knabbert Ginger einfach beiseite.
Ausserdem hat Bharat - unser fantastischer Kuechenchef - von seinem letzten Aufenthalt in Nepal vergangenen November seine aelteste Tochter mitgebracht, die bis dato in der Obhut seiner Schwester war. Nun ist die siebenkoepfige nepalesische Familie komplett. Und auch die beiden aelteren Brueder von Piers' Adoptivsohn Ravi haben sich offenbar entschlossen, das Zuhause ihres kleinen Geschwisterchens zu ihrem eigenen zu machen. Die allabendliche Runde um den Kamin nach dem Essen ist also um einiges groesser geworden. Die Kleinen blaettern in ihren Buechern, Amrit und Padam massieren abwechselnd Fuesse, ich geniesse das familiaere Beisammensein.
Im Moment wird dieser Kreis noch durch wechselnde Homestaying-Guests bereichert, die die Gaestezimmer ueber die Feiertage belegt haben. Allesamt interessante und angenehme Menschen, mit denen man temporaer gerne sein Zuhause teilt. Und ich habe wohl beim Kauf meiner Etage den Posten der Gatsgeberin gleich mit erworben. Das kann ich.
Was ich nicht konnte bislang, in meinen eigenen Gemaechern zu schlafen, die Baurabeiten sind noch in vollem Gange. Aber verglichen mit der normalen indischen Dauer solcher Vorhaben, ging alles ziemlich schnell. Und so ist mein schoenstes Weihnachtsgeschenk jenes, dass ich heute unterm romantisch illuminierten Dom im eigenen Bett schlafen kann. Jeden Tag wandere ich durch die Raeume und freue mich an den Details. Sei es die in gruenen Marmor gefasste Badewanne (verzeih Petra: den gruenen Waschlappen!), sei es die originelle Beleuchtung oder der zum ersten Mal benutzte Kamin. Dann stuerze ich mich ins kleinstaedtische Getuemmel Udaipurs und kaufe wie eine besessene Maharani Kissen, Decken, Ueberwuerfe und allerlei Schnickschnack. Und waehrend ich auf dem local market emsig Kleinigkeiten einsammle, wurden dort vor ein paar Tagen hunderte Ziegen feilgeboten - fuer eins der unzaehligen muslimischen Festivals "Bakra Eid" (Ziegenopferung). Die armen Dinger. Ich knipste ein paar letzte Bilder von ihnen, was sie zu diesem Zeitpunkt wohl schon ahnten. So nervoes, wie sie an ihren Leinen zerrten und greinten. Aber den Laemmern zu Ostern erging es sicher nicht besser. Seltsame Rituale.
Und heute haben Piers und ich eine Horde Gaeste fuer unser Weihnachtsessen. Um den unterschiedlichen Braeuchen gerecht zu werden, feiern wir heute und morgen. Ich freu mich drauf und auf meine erste Nacht in meinem neuen Zuhause. Ich denke an alle meine Lieben daheim und wuensche friedliche Tage.
Sonntag, 24. Februar 2008
Auf & Davon ...

In ein paar Stunden geht mein Flugzeug via London nach Delhi. Es quälen die üblichen Gedanken, ob man nicht etwas vergessen hat, das Gepäck unterwegs nicht verloren geht und in diesem speziellen Fall, ob die Zahnschmerzen in Deutschland zurück bleiben. Das Packen gestern war ein wenig grotesk angesichts der eisigen Temperaturen in Berlin und den luftigen Hängerchen, die ich ungläubig in die Tasche stopfte - direkt neben Lebkuchen und Stollen. Auch die leere Noch-Zu-Erledigen-Liste war außerordentlich befremdlich. Na, ich darf wohl endlich anfangen mich zu freuen. Los gehts.
In Delhi werde ich vom Exportmanager Mister Kumar abgeholt und zum Domestic Airport chauffiert. Ob er wieder so aufgeregt um mich herumhüpft? Der nervöseste Inder, den ich kenne. In seiner Gegenwart habe ich das erstaunliche Gefühl, die Langsamkeit entdeckt zu haben, komplett entschleunigt und in kontemplativer Ruhe versunken zu sein.
Es geht noch am selben Tag weiter nach Udaipur. Ein kurzer Inlandsflug in einer kleinen Propellermaschine. Gegen Seekrankheit hab ich Pillen eingepackt. Und dann kann ich mich sofort einer ganzen Tasche voller Geschenke entledigen. (Diese wird dann in den näöchsten zwei Wochen mit Gewürzen gefüllt).
An dieser Stelle möchte ich mich bei Katharina bedanken, die mir für das Animal Aid Hospital bei Udaipur eine großzügige Spende mitgegeben hat. Das ist das schönste Geschenk.
Ich melde mich zurück, wenn ich wohlbehalten angekommen bin und schicke einen Bunten Splitter. Und sollte das nicht vor Weihnachten gelingen, wünsche ich allen ein paar erholsame Feiertage und viel Zeit zum Kräftesammeln für die zweite Winterhälfte.