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"Und meine Augen streiften weit und breit,
eh ich sie endlich schloß und sprach: 'Hier bist du!'
Die alte Frage und der Ruf: 'O wo?'
zerschmolzen in tausen Tränenströmen
und überschwemmten die Welt
mit der Flut der Versicherung 'Ich bin hier!'"
Rabindranath Tagore "Gitanjali - Opfergesang"
Abbildung: Heilige Kühe -
Abbildung: Hatipol Market - Abendstimmung im lokalen Markt in Udaipur
Ich erinnere mich ... Bunte Splitter ... Und nun die Bilder dazu ...
Punjab & Varanasi
| Bei unserer Ankunft in Delhi war ein dreitägiger Streik ausgerufen: tausende hablegale Händler haben gegen die Regierung protestiert, die zu den Commonwealth Games 2010 diese bislang - auf Duldung & Bakschisch basierenden - Geschäfte einschränken will. Das hätte eine Flut von Arbeitslosen zur Folge. Für uns bedeutete dies ein Viertel des Verkehrs- und Verkaufsaufkommens. Für Petra als ersten Eindruck von Indien war dies mehr als genug, für mich willkommene Ruhe. So hatten wir genug Zeit, uns die größte indische Moschee - die Jama Masjid anzusehen, in der noch einige Tage zuvor 25.000 Moslems das Ende des Ramadans gefeiert haben. Das hätte ich gern als Zaungast erlebt. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Unsere erste große Fahrt brachte uns ins 10 Stunden entfernte Amritsar im Norden Indiens: eine Millionenmetropole, die als einzigen Blickfang den berühmten Goldenen Tempel inmitten eines kleinen, künstlich angelegten Sees bot. Es ist die heilige Stadt der Sikhs (der Klischee-Turban-Inder), die weder rauchen noch trinken und dies auch sonst argwöhnisch beäugen. Wir haben uns also gefühlt wie Halbstarke, die sich zum heimlichen Rauchen in einer dunklen Gasse verstecken. In einem Restaurant außerhalb der Bannmeile des Tempels gab es unerwartet Wein zu meinem Geburtstag. Ein Geschenk. Allerdings von kurzer Dauer, da eine Bande aufgekratzter Amerikanerinnen mit lächerlichen Hüten den Gastraum in Beschlag nahmen. Sie waren zum Sikkhismus konvertiert und - wie in vielen solcher Fälle - besonders bemüht, die besseren Gläubigen zu sein. Keine ab-originale Sikh-Frau stülpt sich eine derartig alberne Kopfbedeckung auf. Diese Hühner ließen uns vom Kellner ausrichten, dass sie den Wein- und Zigarettenkonsum unsererseits missbilligten. Wir schluckten unsere Missbilligung mit dem letzten Schluck Rotwein runter. |
| Unser nächstes Ziel war Chandigarh, die Hauptstadt des Bundesstaates Punjab, die von Le Corbusier auf dem Reißbrett entworfen wurde. Grotesk, die Inder in quadratische Sektoren stecken zu wollen wie Läufer, Turm und Bauer. Auf der halsbrecherischen Fahrt dahin haben wir beide streckenweise abwechselnd ans Überleben oder an den Import von phosphoreszierenden Farben gedacht. Die Straßen sind ein Extrakt des gesamten Landes. Ein Machtspiel wie im Tierreich: der Stärkere obsiegt. Alles, was in der Lage ist, sich fortzubewegen, findet man auf den Straßen vor. Und wenn man schon von einer Kuh oder einem heimkehrenden Bauern keine Rücklichter erwarten kann, von allen anderen leider auch nicht. Liegengebliebene Lorries werden mit Zweigen und Steinen am Boden, statt eines Warndreiecks gekennzeichnet. In den kohlrabenschwarzen Nächten wenig hilfreich - das meiste wird erst in letzter Sekunde ausgemacht. So erfordert das Leben auf der Landstraße ein Höchstmass an Konzentration und Reaktion. Die Augen schmerzen vom Spähen ins dunkle Nichts. Hunderte Male haben wir still ein "Das war knapp!" mit den Lippen formuliert. Dennoch: es passiert weitaus weniger als in Deutschland auf einer Strecke wie der, die wir insgesamt hinter uns gebracht haben. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Möglicherweise sind es die Geschicklichkeit, die Coolness und die Intuition, die uns mitsamt den archaischen Instinkten durch striktes Reglement mit der Zeit verloren gegangen sind, die dieses Chaos funktionieren lassen. Trotzdem: von der vielstimmig prognostizierten Weltmacht ist Indien noch so weit entfernt wie ein Elefant vom Ballettunterricht. Alles andere ist elitäres Geschwätz im Zusammenhang mit Globalisierung durch einen Augenschlitz einer Burka betrachtet. Rasante Veränderungen sind allerdings allerorten zu bestaunen: die Preise sind enorm gestiegen, die Anzahl und Höhe der Hotels ebenfalls. Sie sind also eher materieller Natur denn im Bewußtsein. Und dann diese unfaßbare Luftverschmutzung. Man kann die schleimigbraune Brühe, die den Mond rot färbt förmlich mit den Händen greifen. Das Atmen fällt schwer, das Rauchen mach keinen Spaß. |
| Varanasi, die heilig-dreckige Stadt am Ganges: smogverkatert haben wir den vielgerühmten Sonnenaufgang am Fluß erwartet, so wie wir die meiste Zeit noch vorm Hahnenschrei augestanden sind, um die größten Entfernungen bei Tageslicht zu bewältigen. Nach anfänglicher Überwindung hat sich herausgestellt, dass dies die schönste Stunde des Tages ist: das Licht, die erwachenden Menschen, der Nebel über den Feldern, die damit einhergehen. Keine Zeit ist unschuldiger. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Doch zurück zum Ganges. Die Vielzahl der Boote mit Touristen vollgestopft, erinnert an den Spreewald und ist dem Ort so wenig angemessen wie eine Technoparty auf dem Friedhof. So sind wir zu Fuß and den Ghats entlang gewandert und haben uns den Budenzauber aus seltsam "unseriösen" Sadhus und Geschäftemachern aller Art aus nächster Nähe an- sowie den Pilgern beim morgendlichen Wasch- und Betritual zugeschaut. |
| Das main burnig ghat, an dem täglich mehrere hundert "frischer" Leichen (kein Koerper darf älter als 24 Stunden tot und muss eines natürlichen Todes gestorben sein) fein säuberlich nach Kasten getrennt verbrannt werden, darf ein Nicht-Hindu nur von einem Balkon anschauen aus Respekt vor den Angehörigen. Allerlei Schindluder wird mit unwissenden Touristen getrieben: hanebüchene Geschichten über mangelndes Geld für Feuerholz für Tote ohne Familie werden erfunden, um die schwer beeindruckten Westler zu übertölpeln und ihnen Unsummen abzuluchsen. Der Industriezweig Spenden und das Geschäft mit dem Mitleid brummen. Frauen ist der Zugang zum Ghat übrigens gänzlich untersagt. Früher haben sich die Witwen reihenweise in die Feuer ihrer toten Ehemaenner gestürzt, weil die Vorstellung von einem Leben ohne den Versorger offenbar schlimmer war als der selbstgewählte Feuertod. Das wurde vor einigen Jahren von staatlicher Seite verboten, wenngleich sich nichts an der grundlegenden Verzweiflung ob der Situation verändert hat. Die Begründung des Verbotes finde ich persönlich besonders pikant: die Ehemänner würden sich beim Tod ihrer Frauen doch auch nicht in die Flammen stürzen. Auch wieder wahr! | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Wieder zurück auf der Landstraße mit ihren kleinen "dhabas", in denen alte Männer mit schiefen Brillen scharfes Gemüse mit Fladenbrot und Ingwertee reichen, sich eine geschenkte europäische Zigarette wie einen kleinen Schatz hinters Ohr klemmen und das ursprüngliche Indien verkörpern. |
| Aber auch die letzte abenteuerliche und längste Strecke liegt nun hinter uns. Wir haben Udaipur lebendig erreicht und ich könnte pausenlos grunzen vor Wohlbefinden und Glück. Ich kann es kaum fassen, wie gut es sich anfühlt, hierher zurückzukommen. Hunderte Hände haben sich mir seit unserer Ankunft entgegengestreckt, um mich willkommen zu heißen. Vieles ist genauso vertraut, vieles hat sich verändert. Ich spaziere staundend durch die kleine Stadt und kann mich kaum satt sehen. Gleich am ersten Abend waren wir zu einer der unzähligen muslimischen Hochzeiten eingeladen und ich hatte somit die einmalige Chance, Khans riesige Familie auf einen Schlag zu treffen. Die Luft blieb mir schier weg von den vielen Brüsten, an die ich gedrückt wurde und von den kleinen Kinderarmen, die sich um meinen Hals geschlungen haben. So fügt sich am Ende alles irgendwie zu einem einzigen grossen, bunten, rätselhaften Ganzen! | [Abbildung] |
Abbildung: Jaisalmer in der Wüste Thar -
| Die Wüste hat mich wieder ausgespuckt. Und meine beiden Freunde sind nach einem aufregenden Besuch hier wieder auf dem Rückweg nach Deutschland. Der gemeinsame Plan, uns auf halber Strecke auf dem Weg in die Wüste zu treffen, ist für hiesige Verhältnisse nahezu perfekt aufgegangen: mit nur einer halben Stunde Unterschied sind wir im verabredeten Guest House angekommen. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Zuvor waren mein Freund Krishna und ich für ein paar Tage in einem - sagen wir - Höhenkurort, der bevorzugt in der heißen Vormonsunzeit bereist wird, weil es dort fast mediterrane Temperaturen hat. Also ich hab nachts gefroren wie ein Pinscher. Aber vor allem ist dieses Bergidyll Anziehungspunkt für indische Touristen aus dem benachbarten Bundesstaat Gujarat, wo es keinen Alkohol gibt. Da fährt man gern mal fünf oder sieben Stunden, um sich ein Wochenende lang ordentlich einen auf die Lampe zu gießen. Zu dieser Zeit waren Schulferien. Auch noch. Damit war das indische Disneyland komplett: hunderte Restaurants (auf Essen aus Gujarat spezialisiert), in die man fast reingeprügelt wurde; todmüde Pferde, die lächerlich aufgeputzt besoffene Reiter schaukeln; unzählige Vergnügungsofferten, von den Schnickschnack-Kaufen die populärste war. Das alles machte uns das Lümmeln im romantischen Hotel ganz leicht. Eine Schaukel auf der Terrasse (selbstverständlich "lake facing"), ein kühles Bier und dicker Nebel aus den Bergen im Morgengrauen haben unsere Sinne geschont. Und ich habe dort eine kluge und unterhaltsame Amerikanerin kennen gelernt: Heidi Meier aus L.A.! |
| Die Abreise - serpentinenabwärts - mit einem Beifall heischenden Busfahrer endete für mich mit bretthartem Bauch und einer Mischung aus Beten und Fluchen zwischen meinen Lippen. Darob etwas wackelig in den Knien, pitschnass geschwitzt, aber heile war es dann schon ein Staunen, so vertraute Gesichter in der "blauen Stadt" Jodhpur zu sehen. Und das Deutschsprechen war tatsächlich ein wenig eingerostet. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Ausgelassen und aufgeregt über das Wiedersehn haben wir die Warnungen vor einem seit einer Woche wütenden Sandsturm in Jaisalmer in den Wind geschlagen. Und sind in den Bus gestiegen. Eine beschwerliche Fahrt. Immer wieder mussten verwehte Vehikel von der Straße geschaufelt werden, die durch den Sand glitschig wie Seife war. So schwamm der Bus langsam nach Westen. Recht schnell nachvollziehbar, dass man irgendwann vom beißend-heißen Wüstensand verrückt werden kann. Zum Glück hatte dieser Gnade mit uns und legte sich am nächsten Tag ebenso unspektakulär, wie er gekommen war. |
| Allerdings hat man in dieser Region immer eine Portion Sand in Augen, Nase und Mund. Vor allem dann, wenn man wie wir zusammen mit ein paar lustigen Jungs, kalten Getränken und einem Jeep in die Sanddünen nahe der pakistanischen Grenze aufbricht. Der Schleier, der zur traditionellen indischen Frauenkleidung gehört (und manchmal eben auch im Abwassergraben hängt), bewahrte mich zwar vor den schlimmsten Wehen, dennoch knirschten die Schlucke aus den klebrigen Flaschen ganz ordentlich. Schnell übermütig geworden suchten wir uns die höchsten Dünen, um mit herzhaftem Juchzen vom Gipfel in den heißen Sand zu stürzen: ein Mordsgaudi. | [Abbildung] |
| [Abbildung] | Auf dem Rückweg, der schlingernd und krakeelend wie ein Wunder glücklich am Guest House endete, hielten wir in einem Zigeunerdorf und wurden obschon spät abends euphorisch begrüßt. So viele schmutzige, kitzelnde Kinderhände überall. Einige Musiker bestiegen mit uns den Jeep und spielten wenige Kilometer vor Pakistan Rajasthani-Folklore. So schön, dass wir die Pein vergaßen und uns zum Tanzen überreden ließen. Mitten im Nix. Grotesk und herrlich zugleich. Und dann begann es plötzlich zu regnen. Mitten in der Wüste. |
| Als ich meinen Freunden nach 15 Stunden rumpelnder Fahrt endlich den Sonnenaufgang in „meinem" Udaipur zeigen und ihnen einen Kaffee auf dem Dach servieren konnte, war mein eigenes Glück ganz rund. Und hier konnten die beiden ihre Rucksäcke und die Impressionen der bisherigen Reise auspacken. Und verweilen. Für mich spannend, das Leuchten in den Augen derer zu sehn, die das erste Mal hier sind und wieder einmal zu wissen, gut und richtig entschieden zu haben mit meiner temporären Wahlheimat. Zusammen haben wir Udaipur neu entdeckt. Und unendlich viel gelacht. Mir wurde bewusst, wie mir der Humor in der eigenen Sprache gefehlt hat. Und wie glücklich ich dennoch war, als ich am Bus stand, den beiden gewinkt habe und hier bleiben durfte. Auch wenn der Abschied wirklich schwer fiel. Danach lag ich wie benommen in meinem reizenden Zimmer, schaute auf den See, die Lichter ringsum, lauschte dem Regen und fühlte mich richtig zuhause. | [Abbildung] |